Rezension

Barbara Mettler-v. Meibom (Hg.): Einsamkeit in der Mediengesellschaft. Lit-Verlag, Münster 1996, 248 Seiten, 29,80 DM

Menschliches, Allzumenschliches

Einsamkeit, so könnte ein enthusiastischer Beobachter der Medienentwicklung behaupten, ist ein Problem des Buchzeitalters. Allein mit sich und seinem Buch spielt der bücherhungrige Leser einsame Phantasiespiele. In Reichweite des elektronischen Lagerfeuers aber gibt es viele Freunde: Man kann sich bei den Nachbarn aus dem Lindenstraße aufgehoben fühlen, von Ilona Christen täglich Tips fürs Leben bekommen oder sich von Uli Wickert an die Hand nehmen lassen, um angenehm beunruhigende Geschichten über die Mächte der Welt zu verfolgen. Daß die Sache mit der Einsamkeit etwas komplizierter ist, unterstreichen die Arbeitspapiere eines Lehrforschungsprojektes an der Universität Gesamthochschule Essen, die Barbara Mettler-v. Meibom herausgegeben hat. Vom Bildschirm verschwunden, von der Wissenschaft vernachlässigt, sei die "Angst vor Einsamkeit" eine der zentralen Befindlichkeiten in der neuen Medienwelt, heißt es in der Einleitung. Sind wir also sogar noch einsamer als unsere Vorfahren?

Am Ausgangspunkt dieser Forschungsarbeit, darauf legen die Professorin und ihre StudentInnen Wert, stand die Einsicht, daß die wissenschaftlichen Beobachter der Medien und ihrer Wirkungen immer auch Zuschauer mit eigenen Gefühlen, Erwartungen und Sensibilitäten sind. Deshalb haben zumindest einige der Mitwirkenden ein Zauberwort der modernen Soziologie sehr ernst genommen: Sie haben sich selbst beobachtet. Es mangelt nicht an tiefen existenzialphilosophischen Einsichten: "Der Mensch ist einsam." Wenngleich also für den Leser nicht immer ganz ersichtlich ist, worin der Zusammenhang zwischen Lebenshermeneutik und der mediensoziologischer Fragestellung besteht, ist das Buch in allen Teilen durchaus lesenswert, gerade weil es nicht nur auf Hochglanz polierte wissenschaftliche Erkenntnisse dokumentiert, sondern einen Untersuchungsprozeß, hinter dessen Logik und Begriffen die Personen nicht einfach verschwinden wollten. Denn die bloße Feststellung, daß Mediengebrauch häufig auch ein Versuch ist, Probleme und Einsakeitsgefühle zu vergessen, sagt noch nichts über die Folgen für die eigene Subjektivität, für Affekte, für ästhetische Ansprüche, Deutungsmuster und Erlebnismodelle.

Eine zweite Gruppe liefert ein informatives Kapitel über aktuelle Entwicklungstendenzen im Medienangebot und im Nutzungsverhalten. Herausgestellt wird dabei vor allem der Trend zur Unterhaltung und die Ablösung des Fernsehabends im Kreis der Familie durch die individualisierte, häppchenweise über den Tag verteilte Programmauswahl. Eine dritte Gruppe wendet sich einem anderen Medium zu, dem Telefon als Netzwerk sozialer Kontakte und der Spezialisierung seiner Möglichkeiten durch kommerzielle telefonische Kontaktdienste. Weil Telefonkontake, sofern sie nicht zu tatsächlichen Treffen führen, eher das Interesse am virtuellen Anderen als am wirklichen Anderen organisieren, und technisch-soziale Relais die menschliche Bezogenheit ersetzen, können die Autoren hier nur kurzfristig wirkende Narkotika gegen die Einsamkeit entdecken.

Jeder der drei Teile ­ der Bericht über die Befragung der Literatur, die Befragung der eigenen Psyche und die Befragung der fremden Psyche ­ steuert zuletzt auf eine grundlegende Ambivalenz zu: Einerseits als psychische Arznei, als Surrogat gegen vorhandene Einsamkeitsgefühle selbst verabreicht, verstärken Medienangebote und Kontaktdienste zugleich auch die Unfähigkeit, mit dem Alleinsein kreativ umzugehen. Der Mensch des Medienzeitalters ist also nicht einsamer als seine Vorfahren, aber in der Gefahr, sie schmerzlicher zu empfinden und den Umgang mit ihr zu verlernen. Die Botschaft des Buches ist durchaus homöopathisch: Ein bißchen davon braucht jeder, aber seid wachsam, damit keine Droge daraus wird. Wer immer öfter die Einsamkeit vergessen will, betont die Herausgeberin im Nachwort, der vergißt auch, daß man sie auch als Freundin für unsere besten Stunden (die Stunden ohne Fernseher) und als Lehrerin der Kunst des Lebens begreifen kann. Mit viel Liebe zur Weisheit spielt sie Fromms "Kunst des Liebens" und Foucaults "Sorge um sich" gegen den Verlust zwischenmenschlicher Authentizität und medienverstärkte Selbstvergessenheit aus. Auf dem Weg der "prinzipiellen Hinwendung zum Du, zur Mitwelt und zum kosmischen Ganzen" zeigt sich "jene Liebe, die alles Geschaffene und alles Gewordene annimmt und sich mit ihm verbunden weiß." Sollte dahinter eine bekannte romantische Formel stecken: Liebe, intime Freundschaft, Selbstverwirklichung gegen die entfremdete Erfahrung? Am Schluß des Buches regt sich noch ein ganz anderer Verdacht: Kommt uns das nicht sehr bekannt vor? Was läuft heute im Vorabendprogramm? Oder vielleicht fragen wir doch noch mal Pastor Fliege.

Rüdiger Ontrup