Wegweisende Forscherinnen in Mathematik und Informatik

Leitbilder für den Unterricht

Lisa Glagow-Schicha

Der Anteil der Schülerinnen in der Informatik liegt wie bei allen naturwissenschaftlichen Fächern weit hinter dem der männlichen Jugendlichen. Eine Ursache dieser Entwicklung könnte auch in der mangelnden Kenntnis der Leistungen von Naturwissenschaftlerinnen liegen. Die Geschichte dokumentiert, daß Wissenschaftlerinnen trotz wegweisender Arbeiten nur unzureichend gewürdigt worden sind. Der Informatikunterricht kann den Schüler/innen die spezifisch weiblichen Leistungen von Forschungen im naturwissenschaftlichen Bereich vermitteln. Dadurch besteht die Möglichkeit, dem falschen Eindruck entgegenzuwirken, daß Fortschritte in den Naturwissenschaften eine ausschließlich männliche Prägung besitzen. Es soll erreicht werden, daß Schülerinnen dazu motiviert werden, naturwissenschaftliche Kompetenzen zu erlangen.

1. Informatikunterricht in der Schule

An nordrhein-westfälischen Gymnasien wird das Fach Informatik in der Sekundarstufe I im Wahlpflichtbereich II der Jahrgangsstufen 9 und 10 mit drei Wochenstunden unterrichtet. An vielen Schulen wird Informatik mit Mathematik kombiniert. Neben den Grundfertigkeiten im Umgang mit dem Computer, kleinen Programmierübungen in LOGO, Erläuterungen zum Aufbau und zur Arbeitsweise von Computern werden die Schüler/innen im Umgang mit speziellen Programmen geübt, z.B. in mathematischen, technischen, geometrischen oder stochastischen Programmen. Darüberhinaus kann auch das Fach Informatik dazu beisteuern, den Schüler/innen allgemeinwissenschaftliche Grundregeln zu vermitteln. Dieses kann dazu beitragen, das Bild der Informatik zu korrigieren.

Viele Jugendliche verbinden mit dem Begriff "Informatik" lediglich das Programmieren. Selten werden gesellschaftliche Auswirkungen oder allgemein wissenschaftliche Lernziele mit dem Fach "Informatik" verbunden.

2. Frauen in der Geschichte der Informatik und den Naturwissenschaften

Die bedeutenden Leistungen von Frauen aus der Geschichte der Informatik sind heute leider nur wenigen bekannt. Da Technik und Informatik erst in unserem Jahrhundert zu eigenständigen Disziplinen wurden, existieren kaum Dokumente über historische Informatikerinnen. Die Grundlagen des aktuellen Faches Informatik liegen in den Disziplinen Mathematik, Physik und Chemie.

Die Ursachen für die Unkenntnis der angesprochenen Frauen liegen in den gesellschaftlichen Umständen, durch die Frauen stets benachteiligt wurden.

In der Geschichtsschreibung der Naturwissenschaften werden vorwiegend bedeutende Männer genannt, wie Aristoteles, Kopernikus, Newton, Einstein, die unser Weltbild drastisch verändert haben. Dabei ist die Geschichte der Naturwissenschaften eine Geschichte von Tausenden von Menschen, die Erkenntnisse und Theorien zum Wissensstand ihrer Epoche beitrugen und damit entscheidende Entwicklungen ermöglichten. Ein großer Anteil davon waren Frauen, doch ihre Geschichte blieb bis heute praktisch unbekannt (vgl. Alic, S. 11).

Dies gilt sowohl für die Antike als auch für das Mittelalter. Die ehemalige Bundestagspräsidentin Annemarie Renger konstatiert: "Bereits im antiken Athen war es den Frauen bei Todesstrafe untersagt, Medizin oder Heilkunde zu studieren oder auszuüben. Der Hexenhammer, eine pseudotheologische Schrift, die über lange Zeit entscheidenden Einfluß auf die gesellschaftliche Unterdrückung der Frauen ausüben konnte, weil sich die kirchlichen Hierarchien dieses Traktates immer wieder bedienten, um aufkommende Emanzipationswünsche von Frauen zu unterdrücken, verkündete gar: Wenn eine Frau alleine denkt, denkt sie Böses" (Annemarie Renger im Vorwort von Vare/Ptacek 1989, S. 11).

Bis in unser Jahrhundert hinein durften Frauen wissenschaftliche Hochschulen und öffentlichen Bibliotheken nicht betreten. In Deutschland wurden Frauen erst ab 1870 zur Hospitation an einigen Universitäten und Hochschulen zugelassen. Erst ab 1908 regelte Preußen die Zulassung von Frauen zum Studium per Gesetz, wobei dem Erziehungsminister das Recht eingeräumt wurde, Frauen von bestimmten Vorlesungen auszuschließen.

Einer begabten Frau blieb in vergangenen Jahrhunderten oftmals nur die Möglichkeit einer wissenschaftlichen Forschung in der Zusammenarbeit mit ihrem Ehemann, Bruder oder Vater, und sie konnte nur unter einem männlichen Namen veröffentlichen. Viele dieser Frauen sind uns bis heute nicht namentlich bekannt, da den Männern der gesamte Erfolg für die Ergebnisse der gemeinsamen Arbeit zugesprochen wurde (vgl. Alic, S. 22).

Erst die neuere Frauenforschung bemüht sich darum, Informationen über Frauen, die im Schatten ihrer Männer standen, zu erhalten. Es fällt auf, daß sich diese Frauen neben ihrem Interesse für Mathematik und Naturwissenschaften auch für andere Bereiche engagierten, wie z.B. für Sprachen, Literatur, Musik und gesellschaftliche Ungerechtigkeiten.

In diesem Zusammenhang sind u.a. zu erwähnen:

Ada Lovelace (1815-1852), die theoretische Entwicklerin von Programmierstrukturen, wie Schleife", Unterroutine", bedingter Sprung".
Sonja Kowalewski (1850-1891), eine der ersten Mathematikprofessorinnen und korrespondierendes Mitglied der Petersburger Akademie der Wissenschaften.
Emmy Noether (1882-1935), die erste deutsche Mathematikprofessorin.
Grace Murray Hopper (1906-1992), die Erfinderin des Computer-Compilers.

3. Mädchen im Informatikunterricht

Mädchen zeigen insgesamt ein geringes Interesse an Informatik oder Naturwissenschaften. Frauen sind in den Bereichen der Mathematik und der Naturwissenschaften noch unterrepräsentiert. Obwohl es fast genauso viele Abiturientinnen wie Abiturienten gibt, beträgt der Frauenanteil in den mathematisch-naturwissenschaftlichen Studiengängen nach wie vor nur etwa ein Drittel, wobei der Frauenanteil in der Informatik sogar noch rückläufig ist.

In den Naturwissenschaften, in denen sich ein hoher Frauenanteil abzeichnet, z.B. in der Biologie und der Pharmazie, ist ihr Großteil nicht in Führungspositionen vertreten. In diesen Bereichen arbeiten die meisten Frauen als Teilzeitkraft, was eine untergeordnete Position auf der Hierarchieebene nach sich zieht.

Die geringe Motivation von Frauen und Mädchen an Mathematik und Naturwissenschaften wird dadurch verstärkt, daß die Geschichtsbücher auch hierzu lediglich eine Geschichte der Männer darstellen.

So wird Marie Curie, die einzige Person, die zwei Nobelpreise in Physik und in Chemie erhielt, oftmals fälschlicherweise nur als Mitarbeiterin ihres Mannes erwähnt. Lise Meitner, die Forschungen zur Kernspaltung durchführte und deutete, wird lediglich als Assistentin des Nobelpreisträgers Otto Hahn genannt.

Schülerinnen fehlen weibliche Vorbilder und Identifikationsfiguren aus dem mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächerkanon. Wenn Frauen und ihre Erfindungen entsprechend dargestellt werden, können sich Schülerinnen mit ihnen identifizieren und sehen Informatik und Naturwissenschaften nicht mehr als "männliche" Domäne an. Von daher ist es besonders wichtig, daß diejenigen Frauen, deren Leistungen uns heute bekannt sind, auch im Unterricht gewürdigt werden.



4. Erfahrungen im Informatikunterricht

Nach Abschluß einer Unterrichtsreihe über bedeutende Frauen und Männer in der Informatik und der Mathematik wurden die Schüler/innen nach ihrer Einschätzung befragt. Die meisten äußerten sich insgesamt positiv.

So sagte Daniela: "Es war gut, mal etwas über die großen Mathematiker und Mathematikerinnen zu erfahren. Sonst weiß man ja ziemlich wenig über die".

Silke ergänzte, "Ich fand es ganz interessant, man lernt ja die Leute kennen. Die kannte ich vorher noch nicht. Die Frauen fand ich gut. Da sieht man mal, daß die Frauen auch was können".

Bei vielen Schüler/innen bestand ein Interesse an der Geschichte der Informatik, dieses wurde insbesondere durch die zu bearbeitende Person geweckt, wie bei Jana: "Grace Murray Hopper war wirklich sehr interessant".

Sowohl Mädchen als auch Jungen zeigten Verständnis für die schwierige Situation von wissenschaftlichen Frauen in der Geschichte. Sie bewunderten den Fleiß und die Anstrengung der Frauen, die ihre Forschungen unter schwierigen Bedingungen durchgeführt hatten.

Die Schülerinnen waren froh, daß sie heute das Fach studieren können, das ihren Neigungen entspricht. Einige Mädchen wollen auch in der Oberstufe Informatik wählen und können sich vorstellen, ihre Ausbildung mit der Perspektive einer späteren Berufswahl in diesem Bereich zu finden.

Insgesamt hat sich gezeigt, daß die Aufarbeitung von Leistungen der Wissenschaftlerinnen dazu beitragen kann, daß Schülerinnen sich in diesem Bereich stärker engagieren. Wenn weibliche Leistungen adäquat gewürdigt werden, können Vorurteile einer geschlechtsspezifischen Vormachtstellung männlicher Naturwissenschaftler abgebaut werden.

5. Literatur

Alic, M.: Hypatias Töchter, Der verleugnete Anteil der Frauen an der Naturwissenschaft, Zürich 1987

Berghahn/ Aaroe/ Schuchhalter-Eicke/ Tappeser (Hg.): Wider die Natur?, Frauen in Naturwissenschaft und Technik, Berlin 1984

Feyl, R.: Der lautlose Aufbruch- Frauen in der Wissenschaft, Frankfurt/M. 1989

Ganzhorn, K./ Walter, W.: Die geschichtliche Entwicklung der Datenverarbeitung, Stuttgart 1975

Glagow-Schicha, L.: Bedeutende Frauen in der Informatik und der Mathematik, in: Computer und Unterricht, Heft 24, November 1996, S. 22-27

Glagow-Schicha, L.: Neue Medien zu den Leistungen von Frauen in den Naturwissenschaften und Mathematik - Konzeption eines Quartettspiels über Wissenschaftlerinnen, in: Kreienbaum/Teworte-Dodt/Gemein/ Glagow-Schicha/Wanzeck-Sielert (Hg.): Was ist eine gute Schule?, Weinheim 1993, S. 147-155

Glagow-Schicha, L.: Pionierinnen in der Informatik, Mathematik und den Naturwissenschaften, in: Luca/ Kahlert/ Müller-Ballhorn (Hg.): Frauen bilden - Zukunft planen, Bielefeld 1992, S. 313-320

Glagow-Schicha, L.: Frauen in der Geschichte der Informatik, Mathematik und den Naturwissenschaften, in: Kreienbaum, M. A./ Metz-Göckel, S.: Koedukation und Technikkompetenz von Mädchen, Der heimliche Lehrplan der Geschlechtererziehung und wie man ihn ändert, Weinheim, München 1992, S. 121-141, 170-171

Glagow-Schicha, L./ Schicha, C.: Frauen, Computer und Technik, Unterrichtsmaterialien des Forum Eltern und Schule, Dortmund 1992

Vare, E./ Ptacek, G.: Patente Frauen - Große Erfinderinnen, Wien, Darmstadt 1989