Hat der Computer ein Geschlecht?

Frauenforschung in der Informatik

Dr. Heidi Schelhowe





In den späten 70er und frühen 80er Jahren erschien die Informatik nicht wenigen jungen Frauen als eine interessante und für sie geeignete Disziplin. Obwohl die Fragestellungen dieses neuen Wissenschaftsgebietes sich um ein höchst komplexes technisches Gerät herum gruppierten - und dies schien in der bisherigen Geschichte der akademischen Fachbereiche eine geradezu unüberwindbare Schranke für das weibliche Geschlecht zu sein -, obwohl also der Computer als fortgeschrittenste Technologie den Anlaß für die Gründung dieser Disziplin gegeben hatte, stieg der Anteil an Informatikstudentinnen stetig.

Das Gespür, daß hier etwas Neues, jenseits klassischer Ingenieurwissenschaften, im Entstehen ist, etwas, das Frauen einen lustvollen Zugang zu hoher technologischer Kompetenz öffnen könnte, hat dazu begetragen, daß um 1982 der Prozentsatz weiblicher StudienanfängerInnen auf nahezu zwanzig Prozent anstieg. Heute sind unter den AnfängerInnen nur etwa fünf Prozent Frauen.

Hängt das mit der Entwicklung der Informatik zusammen? Hat sie ihre Beweglichkeit und Interessantheit verloren? Hat sie sich doch zu einer klassischen Ingenieurwissenschaft verfestigt? Oder haben die Frauen den Schwung des Aufbruchs und die Lust an der Eroberung neuer Domänen verloren?

Ich möchte die These vertreten und plausibel machen, daß die Informatik aus der Sicht der Frauenforschung nach wie vor und vielleicht sogar zunehmend eine höchst interessante Wissenschaft ist, mit der Bewegung in das traditionelle Wissenschaftsgebäude kommt und daß sie daher ein ausgesprochen lohnenswertes Gebiet für alle ist, die an Veränderungen interessiert sind - und dies gilt natürlich ganz besonders für Frauenbewegung und Frauenforschung.



1. Informatik zwischen Ingenieur-Wissenschaft und Mathematik

Gerade auch in der neueren Zeit gibt es innerhalb der Informatik wieder Diskussionen um das Selbstverständnis. Das Spektrum der Auffassungen reicht von der Behauptung, die Informatik sei eine streng formale Wissenschaft wie die Mathematik über die Meinung, es handele sich eher um eine Ingenieurwissenschaft, bis hin zu neueren Debatten, in denen die Informatik als Geistes-, Arbeits- oder Gestaltungswissenschaft, neuerdings auch als eine Art Medienwissenschaft, gesehen wird.

Die Informatik ist als eine neuartige Verbindung von Ingenieurwissenschaft und Mathematik (Logik) entstanden. Während sie sich einerseits auf eine physikalische Maschine bezieht, geht es andererseits darum, Informationen, Zeichen, die für Menschen Bedeutung haben, in eine solche Form zu bringen, daß sie von einer Maschine, die keine Bedeutung kennt, verarbeitet werden können und daß diese Daten nach der Verarbeitung im Kontext menschlichen Handelns wieder sinnvoll integriert werden können.

Die Erfindung des ersten Computers in Deutschland steht ganz in der Tradition klassischer Ingenieurerfindungen. Konrad Zuse stellt 1941 die erste programmgesteuerte Rechenmaschine ("Z3") fertig. Er ist Bauingenieur und fand es schon als Student qualvoll, die routinemäßigen statischen Berechnungen selbst durchführen zu müssen. So dachte er an die Erfindung eines Gerätes, das ihm diese langweilige Arbeit abnehmen konnte.

Es war eine typische, fast ausschließlich von Männern geprägte Ingenieurkultur, die den Hintergrund dieser Entwicklung bildete. Frauen kommen in der Autobiographie von Konrad Zuse am Rande als Mütter, Schwestern und Ehefrauen vor oder als Arbeitskräfte, die - aus der Not des Krieges geboren - vorübergehend an der Technikentwicklung beteiligt sind. Zuse schreibt:

Ich konnte mitten im Krieg die 'Zuse Ingenieurbüro und Apparatebau, Berlin' aufbauen, zunächst nur mit zwei, drei Mitarbeitern, später wurden es etwa zwanzig. Natürlich war es damals schwer, geeignete Mitarbeiter zu bekommen. Was es gab, waren ungelernte, meist weibliche Arbeitskräfte oder solche, die sich andernorts unbeliebt gemacht hatten... Zu den Mitarbeitern der ersten Stunde zählte auch 'Veronika', die von der Gebrauchsgrafik zum technischen Zeichnen umgeschult war. Sie sattelte später noch einmal um und ist heute als Künstlerin tätig: Vera Grohmann aus Herford. [Zuse 1993, S.57f]

Der erste Computer wird in der festen Überzeugung gebaut, daß Technik zur Einsparung, zur Rationalisierung von Arbeit, beitragen solle. Es leuchtete, so schreibt Zuse, unmittelbar ein, daß es sinnvoll sei, eine Maschine zu erfinden, die dem Ingenieur das sture Wiederholen von Rechengängen abnehmen kann [ebenda, S.33]. Auch wenn Zuse in der Hardware auf Elemente der Nachrichtentechnik setzt, so wird doch der Zweck nicht in der Speicherung und Übertragung von Information gesehen, sondern in der Ersetzung menschlicher Rechenleistung.

Eine Besonderheit kennzeichnet diese Maschine jedoch gegenüber den bisherigen klassischen Maschinen: Sie ist, so argumentiert Zuse bei der Anmeldung seines Patents, "fleischgewordene Mathematik". Er war in dem Maße beim Bau dieser Maschine erfolgreich, als er logische Prinzipien aus der Mathematik unmittelbar als Modell für die physikalische Realisierung begriff. Entwicklungen in der Mathematik aber sind die zweite der Wurzeln, die als Ursprung des Computers und der Informatik gelten können.

Die Mathematik war es, die die Informatik mindestens genauso stark prägte wie die Erfindung der konkreten, der physikalischen Maschine. Schon im Jahr 1936 hatte Alan Turing den mathematischen Begriff der Berechenbarkeit definiert durch eine Maschine: Berechenbar sei alles, was von dieser von ihm erdachten Maschine bearbeitet werden könne [Turing 1937/1987]. Damit brachte er - zunächst noch auf der bloß gedanklichen Ebene - Dinge in Verbindung, die bis dahin getrennt gesehen wurden: Die "ideale" Welt der Mathematik und der abstrakten Symbole und die physikalische Welt der Maschinen. Rechnen wird als ein mechanisches Handeln nach Regeln verstanden (dies schon bei David Hilbert), und Maschinen, die bislang zur Ersetzung körperlicher Arbeit gedacht waren, werden jetzt auch vorstellbar für geistige Tätigkeiten. Der Gedanke, geistige Arbeit nach dem Vorbild der industriellen Organisation körperlicher Arbeit zu organisieren, konnte sich durchsetzen in einer Zeit, wo Taylorismus und Fordismus als Garanten des ökonomischen Fortschritts betrachtet wurden. Bettina Heintz spricht von der "industriellen" Wendung, die Turing dem mathematischen Formalismus gegeben habe [Heintz 1993].

Als in der zweiten Hälfte der 60er Jahre die Informatik in der Bundesrepublik aufgebaut wird, stehen diese beiden Vorstellungen vom Computer, die vom Ingenieurprodukt nach dem Vorbild klassischer Maschinerie der industriellen Produktion und die der Berechenbarkeit als Maschine in der Fortsetzung einer formalistischen Tradition der Mathematik Pate. Als "stärkste Triebfeder der Entwicklung der Informatik" wird "die Befreiung von der Last gleichförmiger, ermüdender geistiger Tätigkeit" gesehen [Bauer/Goos 1987].

Entscheidende Fortschritte in der Programmierbarkeit der Maschine werden durch die Verfolgung der mathematischen Linie erzielt, indem man eine möglichst vollständige "Abnabelung", eine Unabhängigkeit der Programmiersprachen von der Physikalität der Maschine verfolgt. Dies ist z.B. das erklärte Ziel bei der Entwicklung der Programmiersprache Algol 60, der Vorgängerin der meisten imperativen Programmiersprachen.

Das Leitbild einer "Maschinisierung von Kopfarbeit" [Nake 1992] erfordert die Mathematisierung menschlicher Tätigkeit. Diese Mathematisierung soll nicht nur - wie in den klassischen Ingenieurwissenschaften - als Mittel dienen, eine physikalische Maschine konstruieren zu können. Vielmehr soll die Formulierung des Algorithmus, die abstrakte Maschine, schon ausreichen, um sie als Futter, als Material, einer wie auch immer gearteten (letztendlich natürlich wieder physikalischen) Maschine zur Bearbeitung zu überlassen.

In der Bundesrepublik gab es schon in den 60er Jahren alternative Vorstellungen darüber, wie der Computer angewendet werden könne und welche theoretischen Konzepte einer solchen anderen Sicht des Computers angemessen wären (ausführlicher dazu [Schelhowe 1996]). Carl Adam Petri schlug schon um 1960 vor, den Computer als "Medium der Kommunikation" zu sehen. Nicht die Rationalisierung und Ersetzung menschlicher Arbeit, sondern die Speicherung und Übertragung von Information in der Art bisheriger Medien wie Schrift, Buchdruck oder Nachrichtentechnik - das ist der Gedanke, den Petri für die Anwendungen des Computers verfolgt.

Unter dieser Zielvorstellung kommt er zu anderen theoretischen Modellen für den Aufbau des Computers und für die Perspektiven einer Wissenschaft, die sich auf den Computer als technisches Artefakt bezieht. Er möchte ein einheitliches theoretisches Modell entwickeln, das die Physikalität der Maschine mit einbezieht und vom Aufbau des Computers bis hin zur Organisationsmodellierung trägt. Die Turing-Maschine erscheint dabei nur als ein Spezialfall einer allgemeineren "Theorie der Kommunikation". Diese soll allerdings auch nach Petris Vorstellungen streng formal sein.

Wäre die Informatik Petris Vorstellungen gefolgt, so hätte das zu diesem frühen Zeitpunkt eine Konzentration auf die Speicher- und Übermittlungsfunktionen bedeutet statt einer Favorisierung der Algorithmik. Die Algorithmen - die "Verknüpfungen", wie Petri sie nennt - wären nach seiner Vorstellung klein, überschaubar und reversibel geblieben. Stattdessen aber bildet die Vorstellung von einer (Voll-)Automatisierung nach dem Vorbild der Rationalisierung der industriellen Produktion bis in die 90er Jahre hinein das zentrale Leitbild bei der Anwendung und Entwicklung von Computertechnologie.

Die Geschichte der Computerentwicklung und der Anwendungen des Computers hat heute zu Widersprüchen geführt, die die Informatik zu einer neuartigen Disziplin im Spektrum der Wissenschaften machen. Darauf hinzuweisen, diese Widersprüche lebendig zu halten, ihrer vorzeitigen Erstarrung in den traditionellen Linien des Wissenschaftspektrums vorzubeugen und die Vielfalt zu fördern, begreifen wir in der Frauenforschung als eine unserer vorrangigen Aufgaben und Chancen. So hat Frauenforschung in der Informatik sich auch immer begriffen. So betrachtet, kann die Informatik für Frauen und für Frauenforschung eine besondere Herausforderung bedeuten. Umgekehrt stellt auch die Frauenforschung im positiven Sinn eine ständige Herausforderung für die Informatik gegen eine vorzeitige Erstarrung in traditionellen Bahnen einer Ingenieurwissenschaft dar. Deshalb möchte ich zunächst nach dieser historischen Einordnung auf die Besonderheiten der Informatik im Gebäude der Wissenschaften und die daraus entstehenden Widerspüche hinweisen.

Die Informatik hat es zwar einerseits mit der Hardware und insofern wie jede Ingenieurdisziplin mit der Konstruktion von Maschinen zu tun. Auf der anderen Seite jedoch gewinnt mit der zunehmenden "Abnabelung" der Software von der Hardware der Zeichenaspekt eine wichtigere Rolle. Die Tätigkeit von InformatikerInnen verlagert sich mit der Höherentwicklung der Programmiersprachen mehr und mehr auf die informationelle Seite. So geht es weniger darum, ein schon in formalisierter Form vorliegendes Problem einer Maschine "verständlich" zu machen, es zu codieren, es in eine Maschinensprache zu übersetzen - dies war die ursprüngliche Aufgabe in DV-Berufen. Vielmehr geht es heute mehr und mehr darum, in der sozialen Wirklichkeit agieren zu können und dort in einem "diffusen" Problemfeld das Formalisierbare erst auszumachen. So erfordert Informatikkompetenz weit mehr als die klassische Ingenieurkompetenz die Fähigkeit, sich in einem sozialen Umfeld orientieren, Probleme dort erfassen zu können und Entwürfe für die Neu-Organisation von Arbeit und Lebenswelt zu machen.

In den Anwendungen von Informations-technik in der Arbeitswelt ist deutlich geworden, daß ein tayloristisches Vorgehen im Bereich geistiger Tätigkeiten weit weniger erfolgreich sein kann als im Bereich körperlicher Arbeit. Die Orientierung an einem Ziel der Vollautomatisierung hat zu kostspieligen Irrtümern und Fehlentwicklungen geführt. Ein Konzept von Interaktivität, in dem Mensch und Maschine miteinander gekoppelt, und Aktionen der Maschine in sehr kurzen Abständen an menschliches Handeln zurückgebunden werden, erweist sich in vielen Bereichen als erfolgreicher. Die Daten, die in der Maschine verarbeitet werden und dort keinerlei "Bedeutung" tragen, bedürfen der Interpretation durch Menschen, um zu Informationen zu werden und so auf ihre Richtigkeit und Relevanz in der Welt menschlichen Handelns überprüft werden zu können. Die sogenannte "Interaktivität", die Fähigkeit und Möglichkeit des Programms, sich in kurzen Abständen an menschliches Handeln rückzukoppeln, gehört zu den Eigenschaften, die von einem guten Softwaresystem in der Anwendung erwartet werden.

Schon für den Prozeß der Softwareentwicklung selbst und die dort verwendeten Methoden des "Softwareengineering" oder der "Softwaretechnik" sind heute die klassischen, aus den Ingenieurwissenschaften entlehnten Modelle in Frage gestellt. Vor allem von Christiane Floyd und ihren MitarbeiterInnen sind neue Modelle und Methoden für ein evolutionäres, zyklisches und die BenutzerInnen einbeziehendes Vorgehen entwickelt worden [Floyd et al. 1992] und finden innerhalb der Informatik inzwischen auch Anerkennung. Frauenforschung hat solche Methoden, in denen die späteren BenutzerInnen nicht als bloße Empfänger, sondern als aktive TeilnehmerInnen schon in der Entwicklungsphase und als ExpertInnen für die Anwendungsfragen gesehen werden, schon sehr frühzeitig aufgegriffen und unterstützt.

In verschiedenen Teilgebieten der Informatik wird deutlich, daß diese Ingenieurdisziplin nicht ohne Rückgriffe auf Geistes- und Sozialwissenschaften auskommen kann. Große Entwicklungsteams sind fast immer interdisziplinär zusammengesetzt. Auch für die InformatikerInnen selbst sind Kenntnisse aus den Sprachwissenschaften, der Philosophie, der Soziologie, Psychologie, der Betriebswirtschaft und vieler anderer Disziplinen erforderlich. Die Informatik hat auch in ihrem Inneren neue Teildisziplinen wie "Softwareergonomie" oder "Künstliche Intelligenz" und anderes mehr hervorgebracht, in denen klare disziplinäre Grenzen nicht mehr auszumachen sind, sondern ein Bewegen zwischen den Fächergrenzen gefordert ist. So wird heute auch in der Bundesrepublik das Selbstverständnis der Informatik erneut diskutiert und ihre Fragestellungen und Methoden werden in Verbindung gesehen mit denen von Geistes- und Sozialwissenschaften [Coy 1992].

Informatik ist meines Wissens auch die erste Ingenieurdisziplin, die sich innerhalb des Faches mit gesellschaftlichen Voraussetzungen und Wirkungen befaßt. Unter Begriffen wie "Informatik und Gesellschaft", "Angewandte und sozialorientierte Informatik" oder ähnlich wird an einigen Universitäten (z.B. TU Berlin, Humboldt-Universität Berlin, Bremen, Dortmund, Hamburg, Freiburg, Paderborn) zur Genese, zur Bewertung und zu den Auswirkungen der Informationstechnik geforscht und gelehrt. Ethische Fragestellungen werden in den Informatik-Gesellschaften in der Bundesrepublik und auf internationaler Ebene diskutiert und die Ethische Leitlinie der "Gesellschaft für Informatik" (GI) erstreckt sich auch unmittelbar auf die Inhalte der Tätigkeit der InformatikerIn, indem dort z.B. eine angemessene Einbeziehung späterer BenutzerInnen in den Prozeß der Softwareentwicklung gefordert wird [Ethische Leitlinien 1993]. Frauenforschung hat eine solche Selbstreflexion der Wissenschaften immer schon als eine den wissenschaftlichen Disziplinen immanente Kategorie eingefordert.

An der Informatik zeigt sich ganz besonders, daß die klassischen Einteilungen der Wissenschaften etwa nach exakten oder diskursiven oder nach Natur-, Ingenieur-, Sozial- und Geisteswissenschaften, nach analytischen oder konstruktiven nicht haltbar sind. Diese Zeit des Umbruchs kann auch dafür genutzt werden, die klassischen Zuordnungen von Geschlecht zu bestimmten Arten des Denkens, der Methodik, der Fachdisziplinen zu durchbrechen. So wird heute deutlich, daß auch die sogenannten exakten Wissenschaften auf dem Diskurs aufbauen, und in der Informatik ist dies aus ihren inneren Widersprüchen und aus ihren Anwendungen heraus besonders offensichtlich geworden.

Dies alles entzieht gewachsenen geschlechtsspezifischen Fächerzuordnungen und ihrer ideologischen Rechtfertigung den Boden.



2. Was ist Technik? - ein neuartiger Umgang

Mit der Informatik verändert sich auch der Begriff von Technik. Indem jetzt auch Software als Technik gilt und die Trennung zwischen Mathematik und Ingenieurwesen unscharf wird, ändern sich die klassischen Vorstellungen und damit auch die (eng mit Männlichkeit verknüpften) Bilder von Technikkonstruktion und Technikbeherrschung. Technikkonstruktion zielt hier nicht mehr auf das Funktionieren einer physikalischen Maschine als Qualitätsmerkmal. Das logische Durchdenken und das physikalische Funktionieren reichen weniger denn je aus als Kriterium für "gute" Technik. Vielmehr ist ein Verständnis für Arbeits- und Lebensprozesse gefordert, damit Menschen die Datenverarbeitungen durch die Maschine als eine sinnvolle anerkennen und sie in ihre Handlungen einbetten können. Erst daran, daß Menschen Software sinnvoll in ihre Tätigkeit einbinden können, zeigt sich, ob der Konstruktionsprozeß gelungen ist oder nicht.

Ina Wagner fordert aus der Untersuchung von Einführungsprozessen von Informationstechnik insbesondere für Informatikerinnen und Informatiker die Fähigkeit zur Aufarbeitung ihrer eigenen Situation und ihrer Stellung "im Schnittpunkt unterschiedlicher sozialer Welten". Dies erfordert, so Ina Wagner, "einen mehrstufigen Reflexionsprozeß". Dieser schließt sowohl die intersubjektive Kommunikation über "Betroffenheiten und Interessenslagen als auch die Bearbeitung der eigenen professionellen Befangenheiten ein: der implizierten kulturellen Normen, die mit der Praxis der Informatik vermittelt werden - Vorstellungen 'guter Organisation', Hierarchisierungen von Wissen, Praktiken der Codierung und Dokumentation" [Wagner 1990, S. 293].

Mit den neuen Benutzungsschnittstellen und den neuen Werkzeugen für die Programmierung werden neue Arten des Vorgehens möglich und denkbar und die Aufgaben in der Softwareentwicklung können in neuem Licht erscheinen. In der Literatur zur Mensch-Maschine-Interaktion wird heute oft der Vergleich zu einem künstlerischen anstelle eines ingenieurmäßigen oder handwerklichen Vorgehens gewählt.

Neben der regelorientierten, präzisen, "harten" Herangehensweise an die Softwareentwicklung werden zunehmend Attribute für neue, andere Stile genannt: z.B. wird die Hacker-Kultur, die zu wichtigen Innovationen in der Software-Entwicklung beitrug, mit Vokabeln wie intuitiv, interaktiv oder artistisch belegt.

In ihrem Buch "Die Wunschmaschine" hatte Sherry Turkle [Turkle 1984] angedeutet, daß sie ihre empirischen Ergebnisse, in denen sie aus psychologischer Sicht das Verhalten von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen zum Computer untersuchte, glaubt dahingehend interpretieren zu können, daß eine "harte" und eine "weiche" Art des Programmierens zu unterscheiden sei. Sherry Turkle weist darauf hin, daß und wie sowohl Männer als auch Frauen das herrschende und hauptsächlich anerkannte Modell von Computerbenutzung und -programmierung mit Männlichkeit identifizieren. Strukturiertes, planvolles Programmieren, handwerkliches Vorgehen und Abstraktion werden ihrer Meinung nach bevorzugt und männlicher Kompetenz zugeordnet, während andere, wie sie sagt, eher "weiche", künstlerische und konkrete Vorgehensweisen, die ebenso erfolgreich sein können im Umgang mit dem Computer, diskriminiert und eher mit Weiblichkeit identifiziert werden.

In einem nachfolgenden Aufsatz unter dem Titel "Epistemological Pluralism" führen Turkle und Papert [Turkle/Papert 1990] die These von den unterschiedlichen Stilen im Umgang mit dem Computer näher aus: Sie unterscheiden zwischen den "planners" und den "bricoleurs". Die "Planer" repräsentieren die vorherrschende Kultur im Zugang und Umgang mit dem Computer. Der adäquate Umgang wird als ein Vorgang von Abstraktion gesehen. Das Problem wird in seine Bestandteile zerlegt und logisch, deduktiv, strukturiert gelöst. "Bricoleurs" konstruieren demgegenüber, indem sie immer wieder neu arrangieren, ausprobieren, um das Material herumgehen, es neu betrachten, wie es z.B. die MalerIn tut. Sie lieben das Konkrete. Während für die Planer Fehler Mißerfolge sind, gehören sie für die "Bricoleurs" zum Vorgehen. Nach Turkle und Papert läßt der Computer beide Stile zu. Insbesondere mit den neuen Benutzungsoberflächen und der Objektorientierung sehen sie die Chance, neben den bisher mit Naturwissenschaft und Technik verbundenen Methoden der Abstraktion und des logisch-deduktiven Denkens auch andere Zugangs- und Umgangsweisen zuzulassen: Sie sprechen von der Metapher der Harfe statt der des Werkzeugs.

Frauen, so Turkle und Papert weiter, hätten Schwierigkeiten, sich einen anderen, nicht werkzeugorientierten Zugang zu gestatten. Sie schließen dies aus den Bemerkungen von Interviewpartnerinnen, die ihre andersgearteten Vorgehens weisen und ihre Faszination vom Computer häufig kommentieren: "Er ist aber doch nur ein Werkzeug". So scheinen Frauen durch ihre Minderheitenposition und ihr geringeres Selbstvertrauen im Umgang mit technischem Gerät einerseits besonders stark fixiert darauf, die geltenden Normen zu erfüllen und der dominanten Art des Umgangs zu entsprechen. Andererseits aber ist die herrschende Art des Umgangs so sehr mit Männlichkeit verknüpft, daß dieser für Mädchen und Frauen nur wenig Identifikationsmöglichkeiten bietet.

Papert und Turkle fordern, daß vielfältige Stile des Computerumgangs zugelassen und als gleichwertig anerkannt werden müßten. Hier treffen sie sich mit Ansätzen der Frauenforschung, die in einer polyvalenten Wissenschaft Chancen für einen gleichberechtigteren Zugang von Frauen zu Wissenschaft und Technik sehen (z.B. [Wagner 92]).

Wie immer auch die Ergebnisse von Turkle und Papert bezüglich ihrer Aussagen über einen geschlechtsspezifischen Umgang mit Computern zu interpretieren sind, so scheint es mir immerhin wichtig festzuhalten, daß der Computer unterschiedliche Stile des Umgangs zuläßt und schon deswegen jede Festlegung und Zuschreibung von Computerkompetenz zu einem Geschlecht als pure Ideologie betrachtet werden muß.



3. Computertechnik in der Anwendung: Stabilisierung oder Verringerung der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung?

Die Notwendigkeit, Software-Entwicklung als einen sozialen Prozeß zu begreifen, ist keineswegs ein nur wissenschaftsimmanenter Erkenntnisprozeß. Vielmehr sind es Widersprüche der Praxis, die diese Erkenntnis befördert haben, vermutlich erst haben entstehen lassen. Das Scheitern zahlreicher Softwareprojekte und die immensen Kosten für Änderung und Wartung einer vermeintlich fertigen Software haben Anstöße zu einem grundsätzlichen Überdenken sowohl eines rein formalen als auch eines klassisch ingenieurmäßigen Vorgehens gegeben. So reift in den vergangenen Jahren die Erkenntnis, daß Softwareprojekte für komplexere betriebliche Anwendungen nur dann erfolgreich durchgeführt werden können, wenn sie unter Beteiligung der betroffenen ArbeitnehmerInnen, der späteren BenutzerInnen, durchgeführt werden. Eine zweite Erfahrung ist, daß die neue Maschinerie nicht funktions- und einsatzfähig ist, wenn die arbeitenden Menschen sie sich nicht aneignen, sie akzeptieren und in ihre Arbeitstätigkeiten integrieren. So wird heute zunehmend Kritik laut an traditionellen Methoden der Softwareentwicklung.

Informationstechnologie verändert in der Anwendung grundlegende Strukturen der Arbeits- und Lebenswelt. Das Geschlechterverhältnis ist dabei tiefgreifend betroffen. Es geht bei der Technikeinführung auch um die Frage, ob die herrschende gesellschaftliche Arbeitsteilung reproduziert oder eben verändert wird. In Technik kann sie festgeschrieben werden, oder Technik kann ihre Aufhebung unterstützen.

Cynthia Cockburn hat verschiedene Bereiche von Erwerbsarbeit in Großbritannien untersucht und illustriert, wie Technikeinführung immer wieder dazu genutzt wird, eine geschlechtsspezifische Aufteilung von Berufen in vertikaler wie auch in horizontaler Hinsicht vorzunehmen. Indem Berufe oder Arbeitsmittel als besonders technisch bezeichnet werden, werden sie als Männerarbeit deklariert und höher bewertet [Cockburn 1988].

Die Neuorganisation betrieblicher Strukturen wird über die Entwicklung von Organisationssoftware, über die Art ihres Einsatzes und über die Möglichkeiten ihrer Aneignung beeinflußt. Dadurch können auch traditionelle Geschlechterhierarchien festgeschrieben oder verändert werden. Die Betrachtung dieser Prozesse, die Entwicklung von Leitbildern und Metaphern für den Technikentwicklungsprozeß und die Technikanwendung gehören zu den Bereichen, auf die Frauenforschung Einfluß zu nehmen versucht.

Insbesondere in der Informatik, aber auch in anderen technischen Wissenschaften gibt es heute - gestützt vor allem auch durch eine betriebliche und gewerkschaftliche Bewegung - den Versuch, Technikentwicklung nicht nur unter rein technikimmanenten und rationalisierungsorientierten Gesichtspunkten zu betrachten, sondern sie als sozialen Prozeß zu begreifen. Es gibt Diskussionen darum, wie bei der Gestaltung technischer Funktionalität und im Design der Schnittstellen Kriterien wie Umwelt- und Sozialverträglichkeit oder Orientierung an den arbeitenden Menschen und hin auf gesellschaftlich wünschenswerte Produkte an den Beginn und ins Zentrum des Entwicklungsprozesses gestellt werden können. Dennoch sind auch diese Anstrengungen oft blind gegenüber dem Geschlechterverhältnis. So werden typisch weibliche Arbeitsplätze oft von Gestaltungsbemühungen ausgenommen, den Orientierungsmaßstab bildet der männliche, qualifizierte Facharbeiter. Die Tatsache, daß die Menschen nicht nur Erwerbsarbeitende sind, sondern auch in anderen Bereichen leben, z.B. auch Hausarbeit und Kindererziehung zu ihren Arbeitsaufgaben gehören, sie "private" Interessen haben, ist meist völlig außerhalb des Gesichtsfeldes in Forschung und Entwicklung. Hier provoziert Frauenforschung mit neuen Fragestellungen.

Mit der heutigen Orientierung am Computer als Medium wird gegenüber dem Aspekt der Neukonstruktion von Natur und Arbeit der Aspekt der Änderung sozialer Wirklichkeit stärker hervorgehoben. Der Computer wird hier als "Mittleres" zwischen Menschen gesehen, als Kommunikationsmittel. Die Eigenschaften des Computers und seine spezifischen Bedingungen tragen dazu bei, Kooperationsprozesse neu zu strukturieren und neue Kommunikationsbeziehungen zu schaffen.

Insbesondere gilt dies auch für die Neuordnung der Kommunikationsverhältnisse, die mit der weltweiten Vernetzung der Computer und der Digitalisierung aller Medien einhergeht. Die Konsequenzen der "Informationsgesellschaft", deren technisches Zentrum der Computer ist, insbesondere auch die Veränderungen an den Grenzen zwischen dem Öffentlichen und dem Privaten, die das Geschlechterverhältnis in den Industrienationen ganz fundamental prägen, betreffen Frauen in verschiedenster Weise.

Mit der Computertechnologie werden viele Bereiche neu strukturiert. Während z.B. die neuen Massenmedien wie Radio und Fernsehen weitgehend passives Verhalten der Rezipienten vorsehen, dienen die sogenannten neuen Medien - ähnlich wie das Telefon - auch der Interaktion, strukturieren auch direkt Kommunikation im Alltag. Frauenforschung stellt die Frage, wie das Aufeinandertreffen unterschiedlicher Rationalitätsniveaus des Privaten und des Öffentlichen sinnvoll gestaltet werden kann und welche technischen Entscheidungen dafür zu treffen wären. Das Flüssigwerden der Grenzen zwischen dem Privaten und dem Öffentlichen (z.B. auch in den Strukturen von Erwerbsarbeit) verändert traditionelle Vorstellungen des Geschlechterverhältnisses. Dies kann und muß bewußt gestaltet werden.



4. Änderungen im Menschenbild

In der Informatik geht es gundlegend um die Maschinisierung vormals geistiger Tätigkeiten von Menschen. Als eine geistige "Maschine" hat sich die Logik erwiesen, eine bis zur Erfindung des Computers als urmenschlich bzw. urmännlich gedachte Leistung. Der Mensch definierte sich - in der Nachfolge von Descartes - als das Wesen, das im Unterschied zum Tier diese logischen Operationen vollziehen kann. Männliche Identität wurde mit reinem Geist identifiziert, der sogar unabhängig vom Körper gedacht werden konnte. Dies bedeutete gleichzeitig und immer auch die Zuschreibung reiner, geistloser Körperlichkeit als Identität der Frau.

Der Computer ist der vorläufige Endpunkt und Höhepunkt dieser langen rationalistischen Tradition. Mit dem Computer ist eine Maschine erfunden worden, die in der Lage ist, einen Teil der logischen Operationen automatisch auszuführen, d.h. ohne daß dafür menschliche Intelligenz notwendig wäre. Einige sprechen daher von "Künstlicher Intelligenz". Die Entwicklung einer Maschine, deren Funktionalität eng mit den bisherigen Maßstäben für männliche Identität verknüpft ist, ruft komplizierte gesellschaftliche Prozesse und kulturelle Umbrüche hervor. In der perfekten Ausführung logischer Operationen im Computer erfährt das rationalistische Denken gleichzeitig eine Entwertung. Was eine Maschine kann, gilt nicht mehr als intelligent bzw. spezifisch menschlich. So bringt die Existenz des Computers die Suche nach neuer menschlicher oder männlicher Identität hervor.

Die neuen Wertvorstellungen und Leitbilder stehen in vielfältiger Weise im Widerspruch zu traditionellen geschlechtsspezifischen Rollenbildern. Körperlichkeit, Intuition, Kreativität, Einfühlungsvermögen werden zu Leitbildern eines neuen Menschen. Diese Umbrüche können das traditionelle Geschlechterverhältnis in Bewegung bringen. Sie können aber auch zur Verfestigung und Stabilisierung alter Herrschaftsverhältnisse führen, indem die Rollenstereotype als solche erhalten bleiben, sich nur (hier und dort) in ihrem Inhalt ändern. Eine Analyse dieser Vorgänge ist erforderlich, um die gegenwärtigen Veränderungen zu begreifen und sie beeinflussen zu können.



5. Gegen einen neuen Technikmythos und eine Stabilisierung des Geschlechterverhältnisses auf neuer Stufe!

Ich möchte wieder zum Ausgangspunkt zurückkehren. Wie also läßt sich trotz dieser höchst spannenden Entwicklungen, die das traditionelle Geschlechterverhältnis in Frage stellen, der drastische Rückgang des Frauenanteils im Informatik-Studium erklären?

Gleichzeitig mit dem sinkenden Anteil von Frauen im Informatik-Studium hat sich der Frauenanteil unter den Professorinnen erhöht. Dies hat einerseits natürlich ökonomische und institutionelle Gründe: Die Jobs in der Industrie waren eine Zeitlang für InformatikerInnen so attraktiv, daß nur wenige den unsicheren Weg einer Hochschulkarriere anstrebten, die Konkurrenz um die Stellen im Mittelbau also nicht sehr groß war. Es zeigt aber andererseits auch, daß Forschung und Lehre in der Informatik attraktiv genug sein können, daß Frauen sich dem Negativ-Bild einer coolen, unweiblichen TechnikfanatikerIn und dem Streß eines Professorinnen-Daseins mit der schwierigen Vereinbarkeit von Freizeit, Familie und Beruf aussetzen mögen.

So scheinen es doch mehr das männliche Image des Computers in der Gesellschaft und das Machtgehabe, das Jungen und Männer um diese Technik herum entwickeln, zu sein, die den Rückgang des Interesses von Frauen am Informatikstudium erklären können.

Der prozentuale Rückgang von Frauen an den Informatikstudierenden wird von WissenschaftlerInnen auf die Entwicklung in den Schulen und die "Besetzung" des Computers in der Freizeit durch Jungen und Männer zurückgeführt. Informatik gilt - obwohl innerhalb der Disziplin immer deutlichere Widersprüche dazu auftreten und eine andere Ausrichtung gefordert wird - im öffentlichen Bewußtsein heute stärker als in der Anfangszeit als typische Ingenieurwissenschaft und damit als Männerdomäne. Die Vorstellung von diesem Fach wird - anders noch als in den 70er Jahren - sehr eng gekoppelt mit dem Computer und mit Kompetenzen im Umgang mit dem technischen Gerät. Die Fähigkeit, versiert mit dem Computer umgehen zu können, wiederum wird verbunden mit bestimmten, insbesondere bei Mädchen und jungen Frauen extrem unattraktiven Persönlichkeitsmerkmalen, wie sie z.B. von Britta Schinzel zitiert werden:

Sie arbeiten intensiv und leistungsbezogen, manchmal sogar mit Zügen von Besessenheit. Dieser Aufwand an Zeit und Energie führt nicht selten zum Ausschalten aller anderen Lebensbereiche. Sie sind wenig politisch engagiert, sind eher schüchtern und gehemmt, kontaktarm, und haben geringes Interesse an zwischenmenschlichen Beziehungen. Ihre Kommunikation ist auf sachliche Zusammenarbeit beschränkt, sie meiden emotionale Situationen und Konflikte. Sie sind kaum an die eigene Wissenschaft begründenden, übergreifenden kritischen Fragen interessiert. Das Fach wird aus dem sozialen Kontext isoliert betrachtet. Dies kann man so deuten: Sie haben in sozialen Situationen keine offensiven, initiativen Strategien zur Verfügung, sondern nur defensive. Unterwerfung kennzeichnet ihr Verhältnis zu der eigenen Wissenschaft, ihren Vertretern und deren Ansprüchen, Flucht ihr Verhältnis zu anderen Menschen, Konflikten und Gefühlsäußerungen. [Bürmann, nach Schinzel 1992, S.256]

Obwohl diese Persönlichkeitsbilder des typischen "Hackers" nur für einen sehr geringen Prozentsatz auch der männlichen Studierenden zutreffen, prägen sie noch in hohem Maße das Bild des Faches und die Vorstellung vom idealen Informatik-Studenten (vgl. dazu die Studie [Håpnes/Rasmussen 1991], in der nur ein geringer Prozentsatz von "Hackern" im Informatikstudium gesehen, gleichzeitig aber gezeigt wird, daß sie es sind, auf die sich sowohl Hochschullehrer als auch Studierende am deutlichsten beziehen).

Entscheidender Zeitpunkt für die geschlechtsspezifische Zuordnung technischer Kompetenz ist die Pubertät. Während in der Grundschule Interesse und Neigungen beider Geschlechter für den Computer noch weitgehend gleich verteilt scheinen, kann ab 7./8. Klasse eine deutliche Auseinanderentwicklung beobachtet werden. Während es für Jungen in das Selbstbild paßt, Interesse und Begeisterung für den Computer zu zeigen, werden Äußerungen von Technikfaszination für und von Mädchen eher als "unweiblich" angesehen. Traditionelle Rollenbilder, nach denen Männlichkeit mit Technik und Weiblichkeit mit Technikdistanz identifiziert werden, scheinen gerade in der Zeit der Pubertät aufs heftigste wirksam. Mädchen, die am Bundeswettbewerb Informatik teilnahmen, berichteten über ihre Schwierigkeiten und Ängste, sozial isoliert zu werden, wenn sie sich zu sehr auf den Computer einlassen [Faulstich-Wieland 1987]. In den Informatik-Kursen der Sekundarstufe II ist die Teilnahme von Mädchen sehr gering. Nur wenige Mädchen bleiben noch nach der 11. Jahrgangsstufe in den Informatik-Kursen.

Vieles läßt sich auch daran festmachen, daß heute erneut - und schärfer denn je - versucht wird, Technikbeherrschung und Technikkompetenz als männlichen Machtbereich zu retten. Dazu ist aber gleichzeitig erforderlich, die neuartigen Kompetenzen, die mit der Informationstechnologie einhergehen und gefordert sind, wieder als High-Tech-Kompetenz zu definieren - auch wenn sie gänzlich anders sind als das, was bisher darunter verstanden wurde. Technikkompetenz wird gesellschaftlich als das Männliche und damit als das Nicht-Weibliche begriffen.

Einen interessanten Aufschluß darüber, wie sich dies auch in den Köpfen von Frauen wiederfindet und vermittelt, gibt eine Untersuchung von Ulrike Erb über die Forschungsbereiche promovierter Frauen in der Informatik. In den Forschungsgebieten dieser Frauen läßt sich - abgesehen von der hardwarenahen Informatik, in der kaum Frauen zu finden sind - keine vom Durchschnitt abweichende Wahl der Schwerpunkte ausmachen. Die häufig geäußerte Vermutung, daß Frauen die mathematiknahen Bereiche oder den Bereich "Informatik und Gesellschaft" bevorzugen, läßt sich nach dieser Untersuchung nicht bestätigen. Ulrike Erb stellt zwar fest, daß Mathematik oft die Zugangsschneise für Frauen zur Informatik darstellt, sie dann aber eine Verbindung zur Praktischen Informatik und zu den Anwendungen suchen [Erb 1996].

Aus der gleichen Untersuchung geht her vor, daß das Technikbild, die Verbindung von technischer Kompetenz mit Männlichkeit nach wie vor von entscheidender Bedeutung ist. Das erklärt auch, daß Frauen ihren Einstieg in die Informatik am ehesten über die Mathematik, nicht über eine Begeisterung für den Computer (wie dies bei männlichen Studierenden eher der Fall ist) finden. Die befragten Frauen bezeichnen ihr Arbeitsgebiet fast ausnahmslos als "technikfern", selbst wenn sie z.B. im Bereich Betriebssysteme, das in der Informatik als sehr techniknahes Gebiet gilt, forschen.Technik-nähe scheint nicht in das weibliche Selbstbild zu passen.

Es wird daran deutlich, daß das, was als Technik definiert wird, auch unter geänderten Bedingungen wieder als nicht-weiblich gilt. Nur ein Bewußtwerden über die Vergeschlechtlichung von Gegenständen, Wissenschaftsdisziplinen und Kompetenzen kann dies vermeiden helfen.

Informatik und ihre Ergebnisse durchdringen heute nahezu alle Disziplinen und verändern die Methodik wissenschaftlichen Arbeitens (z.B. ändert sich die Bedeutung des naturwissenschaftlichen Experiments angesichts der Möglichkeiten von Computersimulationen). Wenn es nicht gelingt, die Vorurteile über einen engen Zusammenhang von Computer und Männlichkeit aufzubrechen, kann dies zum Ausschluß von Frauen von den Anwendungen innovativer Methoden in den verschiedensten Wissenschaftsdisziplinen führen.

Die Ablösung von alten, geschlechtstypisch besetzten Bildern kann und wird ohne ein bewußtes Einwirken nur eine neue inhaltliche Füllung geschlechtsspezifischer Zuschreibungen bewirken. So wird mit der Entwertung logischen Denkens oder der Aufwertung eines intuitiven und kreativen Umgangs mit Artefakten nicht automatisch eine Geschlechtsneutralität einhergehen. Vielmehr wird an einzelnen Beispielen schon deutlich, daß die neuen, hochbewerteten Fähigkeiten auch neuerdings wieder männlich besetzt werden bzw. mögliche Änderungen im Hinblick auf das Geschlechterverhältnis nicht wahrgenommen werden.

Mit diesem Beitrag war es meine Absicht, dafür zu plädieren, gerade in der Forschung und in der Gestaltung von Informationstechnologie auch Chancen für eine neue Bestimmung des Geschlechterverhältnisses zu sehen. Dazu braucht es Frauenforschung und ihre Etablierung in den traditionellen Wissenschaftsdisziplinen.



Literatur

Bauer, Friedrich L.; Goos, Gerhard: Informatik. Eine einführende Übersicht. Berlin: Springer, 1. Aufl. 1971, 4. Aufl. 1991.

Cockburn, Cynthia : Die Herrschaftsmaschine. Ge schlechterverhältnisse und technisches Know-How. Berlin/Hamburg: Argument 1988.

Coy, Wolfgang; Nake, Frieder; Pflüger, Jörg-Mar tin; Rolf, Arno; Seetzen, Jürgen; Siefkes, Dirk; Stransfeld, Reinhard (Hrsg.): Sichtweisen der Informatik. Braunschweig: Vieweg 1992.

Erb, Ulrike: Frauenperspektiven auf die Informatik. Infomatikerinnen im Spannungsfeld zwischen Distanz und Nähe zur Technik. Münster: Westfälisches Dampfboot 1996.

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