Netzsubjektivität
Skizze der Technologien des vernetzten Selbst im Kontext informationstechnischer Entwicklungen

 

Tanja Paulitz

Einleitung

Netze und Vernetzung sind Metaphern, die Konjunktur haben. Dabei ist einerseits die Rede über Netze in aller Munde. Sie schlägt sich in einer Fülle von Forschungsliteratur und Dokumentationen nieder. Andererseits ist das Knüpfen von Netzwerken angestrebte und ausgeübte Praxis von politischen und sozialen Bewegungen, von Angehörigen verschiedenster Berufsgruppen, von Unternehmen etc. Netzwerke sind im Zuge der sozialen Bewegungen der 70er Jahre entstanden. "Gemeinsam sind wir stärker" war die Parole, die Vernetzung motivierte und nach wie vor motiviert. Zahlreiche Neugründungen lassen darauf schließen, daß das Vernetzungsgeschehen aktuell neuen Auftrieb erhält. Für die Bildung von Netzwerken werden Argumente wie die Möglichkeit zu loseren, informellen Bindungen, die Überschreitung institutioneller Grenzen usf. angeführt. Skeptische Stimmen werfen ein, daß nur die alten Formen der Interessenvertretung und des Zusammenschlusses bezogen auf ein gemeinsames Anliegen durch eine Neue, durch das Netz, abgelöst werden. Ob man in manchen Fällen allerdings bei gleichbleibenden Strukturen allein das alte Vokabular austauscht, wird als Frage in den Raum gestellt. Eine wichtige Rolle spielen in diesem Geschehen sicherlich Veränderungen in Staat, Gesellschaft und Ökonomie sowie nicht zuletzt die neueren Entwicklungen in der Informationstechnologie (IT).

Meine Überlegungen zu den Technologien der Vernetzung unterscheiden einerseits Informationstechnologien als Medium für Netzwerke. Andererseits richtet sich das Interesse auf die Technologien des Selbst im Sinne von Foucault als Forschungsperspektive, d.h. auf die Frage, welche Subjektivierungsweisen mit Vernetzung gegenwärtig verbunden sind. Ausgehend davon sind nicht Staatstheorie, Ökonomie oder die Neuen Technologien meine zentralen Bezugspunkte. Ich werfe meinen Blick hingegen auf Vernetzung als ein wirkendes Paradigma und als subjektivierendes Wissen. Für dieses stellt die IT eine relevante Größe dar.

Mein Beitrag versteht sich als Problemaufriß, ohne den Anspruch systematischer Aufarbeitung und Vollständigkeit. Es geht mir darum, auf den folgenden Seiten einige Thesen zur Diskussion zu stellen, die meinen forschenden Zugang zu Vernetzungsaktivitäten leiten sollen.

Konturen und AkteurInnen des Geschehens

In neun Thesen möchte ich zunächst nachzeichnen, wie die Situation aus meiner Sicht beschaffen ist, in der heute Vernetzungsaktivitäten von sozialen Bewegungen u.ä. Interessengruppen stattfinden. Es geht darum, durch das Zusammenspiel einzelner Aspekte, Konturen deutlich zu machen, die über das jeweils spezifische Handlungsfeld hinausreichen. Aus dieser feldübergreifenden Perspektive können paradigmatische Veränderungen deutlich werden, die sich deshalb mit Beispielen aus sehr unterschiedlichen Praxiskontexten illustrieren lassen. Markant im Geschehen ist, daß bei gesellschaftlichen Gestaltungsprozessen den Subjekten systematisch ein neuer Ort zugewiesen wird. Korrespondierend dazu beanspruchen die AkteurInnen selbst für sich einen neuen Platz. Gleichzeitig verändert sich Selbstverständnis und Rolle des Staates, woraus sich neue, partizipative Handlungskonzepte ableiten. Sie münden in die Bildung von Netzwerken als Strategie der Veränderung. Die erfolgte Vernetzung von Computern erfährt dabei eine konzeptionelle Einbindung als Medium und Aktionsraum für demokratische Beteiligungsmodelle.


1.1 Von der Repräsentation zur Partizipation


Ein Paradigmenwechsel hat in den Konzepten gesellschaftlicher Gestaltungsprozesse stattgefunden: Das Repräsentations- bzw. Versorgungsmodell wird durch ein partizipatives abgelöst. Hilfeleistungen, die zu dauerhafter Abhängigkeit führen, sollen durch Leistungen der "Hilfe zur Selbsthilfe" ersetzt werden. Unterstützung hat das Ziel, langfristig Eigenständigkeit zu erzeugen. Weber (1998) zeigt anhand der Rede über Organisationsentwicklung und Frauenförderung auf, wie die Handlungslogik der Hierarchie vom Steuerungsmodus der Autonomie und der Aushandlung in Gruppen abgelöst wird. Mit diesem Wissen werden zwei verschiedene Subjektpositionen erzeugt: der "Intrapreneur" als Unternehmer seiner selbst im Unternehmen und die "Mutter" als Unternehmerin der Familie.

Das neue Paradigma läßt sich als Grundmuster auch in anderen Praxisbereichen feststellen. Z.B. findet sie sich in Planungsverfahren von Projekten der Entwicklungszusammenarbeit (EZ), in Modellen einer internationalen Zivilgesellschaft oder auch in sozialen Bewegungen. Zur Gewährleistung des Erfolgs sind partizipative Verfahren vorgesehen. Die Beteiligten werden damit selbst zu den zentralen AkteurInnen ihrer eigenen Interessenslage.

Die "Betroffenen zu Beteiligten machen", lautet das Motto etwa in der EZ. Der Nutzen von Beteiligung geht aus einem Papier zur Projektplanung der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit hervor: "Partizipation dient dazu, Projektkonzepte aus der Sicht der Betroffenen abzuleiten. Partizipation baut Loyalität zum Projektkonzept auf. Wer das Projekt als sein 'eigenes Baby' empfindet, wird auch die versprochenen Beiträge leisten." (GTZ, 1997, 22) In der internationalen Zusammenarbeit der Nicht-Regierungs-Organisationen (NROn) findet dieses Gedankenmuster seinen Niederschlag wie folgt: "Die Süd-NROn sind vorwiegend im sozialen Bereich tätig, fördern die Selbsthilfe und zielen auf die Eigenleistungen der Bevölkerung ab." (Walk/Brunnengräber, 1994, 626) Die Beratungsmethode des Peer Counseling, die in der Behindertenbewegung praktiziert wird, geht von folgendem Gedanken aus: "Die grundlegende Idee von Peer Counseling ist, daß die meisten Menschen ihre Alltagsprobleme alleine lösen können, wenn sie die Möglichkeit dazu erhalten. Die Rolle des Peer Counselors ist es deshalb nicht, die Probleme der anderen Person zu lösen, sondern sie vielmehr dabei zu unterstützen, ihre eigenen Lösungen zu finden" (Bruckner, o.J., 2).

1.2 Von der Betroffenheit zur Selbstbestimmung

Auch die betroffenen Subjekte beanspruchen für sich selbst eine neue Rolle im Geschehen. Die Hilfestellung "von oben" im Sinne hierarchischer Steuerung ist für die Zielgruppe ebenfalls nicht mehr akzeptabel. Sie setzen dem als bevormundenden Herrschaftsinstrument, das mit der Konstruktion "wehrloser Opfer sozialer Ungerechtigkeiten" arbeitet, in Mißkredit geratenen Regelapparat den Anspruch auf Selbstbestimmung entgegen. Die Betroffenen selbst erheben Anspruch auf die Definitionsmacht. Sie sehen sich als ExpertInnen für die Beurteilung der jeweiligen Problemlage. Die erforderlichen Lösungskonzepte wollen sie deshalb selbst entwickeln und damit langfristig Einfluß auf gesellschaftliche Veränderungen nehmen. Im dem Konzept des "Empowerment" ist dieser Wechsel der Denkstruktur systematisch verortet. Gemeint ist "Emanzipation nicht von oben, sondern von unten her, nicht übergestülpt, sondern selbst getan" (Ruf, 1996, 134). Der Empowermentansatz "entstammt dem Denken und politischen Handeln der Frauenorganisationen des Südens, meint Machtzugewinn, Machtbildung in ihrer Hand. Was mehr ist als Quotierung, Gleichstellung, politische Teilhabe - zielt es doch [...] zugleich auf die Veränderung nationaler wie globaler Wirtschaft und Politik" (Ruf, 1995, 108f.).

ies verdeutlicht auch die Problemdiagnose aus dem Selbsthilfespektrum: "Selbst wenn Menschen oder Organisationen sich selbstlos in den Dienst anderer stellen: Woher kennen Sie denn die Interessen und Bedürfnisse der anderen? [...] Und wie könnte es funktionieren, daß wir zwar die Interessen und Bedürfnisse unserer Mitmenschen gar nicht richtig kennen, aber trotzdem ihre Interessen und Bedürfnisse berücksichtigen?" (Göttinger Selbsthilfezeitung, 97/98, 20) Die politische Brisanz dieser Einschätzung dokumentieren auch die Ziele sozialer Bewegungen: So ist "Selbstbestimmt leben" ein zentraler Begriff der Behindertenbewegung, die der Bevormundung durch Fürsorgeeinrichtungen den Kampf ansagt. Ebenso ist Selbstbestimmung der Frau über ihren Körper eine zentrale Forderung der Frauenbewegung im Zusammenhang mit der Fassung des § 218.

1.3 Machtverlust und Entlastung des Staates

Der Staat verliert an Einfluß in gesellschaftlichen Gestaltungsfragen. Wie Messner aus einer steuerungstheoretischen Perspektive aufzeigt, verfügt er "in einer Vielzahl von Politikfeldern [...] längst nicht mehr über die notwendigen Steuerungsressourcen (z.B. Wissen über kompexe Wirkungszusammenhänge in den jeweiligen Bereichen, Implementationsfähigkeit, Kontrollkapazität), um unabhängig von den gesellschaftlichen Akteuren Politikgestaltung zu betreiben" (Messner, 1994, 563). Andere Akteursgruppen übernehmen Steuerungsfunktionen, u.a. auch "Selbsthilfeinitiativen, Bürgerinitiativen oder andere freiwillige, meist auf ein oder wenige Ziele orientierte und über begrenzte Zeiträume bestehende Zusammenschlüsse der Zivilgesellschaft" (Messner, 1997, 32). Es entsteht ein wechselseitiges Abhängigkeitsverhältnis, in dem alle Beteiligten Gestaltungsanteile besitzen. Der Staat ist auf Kooperation mit anderen angewiesen. Gleichzeitig zieht er sich aus der Verantwortung z.B. als sorgender Sozialstaat zurück. "Staatsentlastung" ist das Stichwort, unter dem das Interesse eines überforderten Staats an Entbindung von Aufgaben zusammengefaßt werden kann (vgl. Messner, 1997, 36). Staatliche Institution geben Aufgaben in die Akteursgruppen der jeweiligen Handlungsfelder zurück. "Der 'kooperative Staat' bzw. der 'verhandelnde Staat' lernt Aufgaben zu delegieren und unterstützt die Entwicklung von gesellschaftlichen Selbstorganisationskapazitäten" (Messner, 1997, 36). Damit ändert sich seine Rolle in der Gestaltung von Gesellschaft.

Ein Beispiel hierfür ist die zunehmende Bedeutung der NROn als Teil des "dritten Sektors". Sie übernehmen Aufgaben, die staatliches Steuerungsversagen abpuffern: "Die Zunahme an NRO-Neugründungen wird nicht selten als Folgeerscheinung des Versagens von Markt oder Staat interpretiert. Daraus wird abgeleitet, daß NROn zur Staatsentlastung und politischen Stabilisierung potentiell instabiler Gesellschaften und internationaler Systeme beitragen" (Walk/Brunnengräber, 1994, 626). Im Rahmen der Mobilisierung von Selbsthilfe gewährt der Staat Zuschüsse für selbstorganisierte Gruppen, die Problemlagen im medizinischen, psychosozialen oder in einem anderen Bereich bearbeiten (vgl. Frankfurter Selbsthilfezeitung, 1998, 19).

1.4 Ressourcenorientierung und Empowerment

Autonome Strukturen der Selbsthilfe und Interessenverknüpfung streifen den Status des Opfers ab. Sie setzen bei den eigenen Ressourcen an, die gestärkt werden sollen. Konkret werden Erfahrungsaustausch, Kontakt, Kommunikation etc. als Ressourcen mit hohem Veränderungspotential entdeckt. Sie gewinnen im Sinne eines sozialen Kapitals an Bedeutung, wirken stärkend auf die Einzelnen zurück, fließen aber auch in die Gestaltung von Praxiskonzepten und in politische Forderungskataloge ein.

Ressourcenorientierung ist konzeptionell in die Fassung des Empowerment-Begriffs eingebunden. Macht wird in diesem Zusammenhang verstanden als "Verfügung und Kontrolle über Ressourcen" (Andorfer, 1995, 57). Hier wird zwischen verschiedenen Arten von Ressourcen unterschieden, die ungleich große politische Handlungsspielräume eröffnen. "Strategisch wichtig sind Ressourcen, die nicht ohne weiteres substituierbar sind" (Messner, 1994, 586). Gemeint ist vorwiegend das zentrale Kontrollmittel, das Geld bzw. Kapital. Die Denkweise des Empowerment entwickelt daraus folgende Handlungsrichtung: "In diesem System geht es nur darum, daß die Machtlosen sich jener Ressourcen besinnen und diese auch einsetzen, über die sie verfügen, um letztendlich an jener Ressource auch teilzuhaben, die konstitutiv für unsere Welt ist" (Andorfer, 1995, 58). Ziel dieses Vorgehens ist, sich die Voraussetzungen anzueignen, die Gestaltung und Veränderung von Gesellschaft ermöglichen.

Aus dem Konzept des Peer Counseling wird die Bedeutung der Ressourcenorientierung deutlich: "Indem sie miteinander sprachen und einander zuhörten, nahm ihre Entschlossenheit zu, sie gewannen Stärke und Selbstvertrauen. Sie nutzten diese Stärke, um für Chancengleichheit einzutreten, zu entscheiden, wo sie leben wollten, wen sie für ihre Assistenz haben wollten und wie sie ihre Ausbildung und ihr Arbeitsleben gestalten wollten" (Bruckner, o.J., 3). Auch die Akteurinnen der neuen Frauenbewegung setzten für die Stärkung von Fraueninteressen bei den Erfahrungen der Frauen an. Ihre Einmündung in die Praxis geschah z.B. durch die Gründung zahlreicher Frauenprojekte. Waren es zu Beginn die Frauenbuchläden, die als Zentren der Kommunikation und des Austauschs informellen Wissens dienten, so entstanden in der Folgezeit weitere sektoral ausdifferenzierte Frauenprojekte, die politische Handlungsräume aber auch Orte der Begegnung sein sollten.

1.5 Dezentralisierung der Problemlagen

Problemlagen gewinnen zunehmend einen überregionalen / internationalen Charakter. AkteurInnen, die diese Probleme bearbeiten, sind daher gefordert, mehr und mehr dezentral zu agieren. Diese Situation wird gegenwärtig in der sog. "Globalisierungsdebatte" verhandelt. Beck beschreibt dieses Phänomen als das "erfahrbare Grenzenloswerden alltäglichen Handelns" (Beck, 1997, 44). Das gewonnene Bewußtsein, daß die Reichweite eigener Lebensstile über die jeweilige Staatsgrenze hinausgeht, fordert Auseinandersetzung. Konkret benennt Beck folgende Bereiche: "Geld, Technologien, Waren, Informationen, Gifte überschreiten die Grenzen, als gäbe es diese nicht" (Beck, 1997, 44f.). Globale Aufgabenstellungen wurden besonders vehement von der Umwelt- und der Friedensbewegung in die politische Diskussion gebracht.

1.6 Vernetzung als Strategie der Veränderung

Alls Strategie, die wirkungsvoll Ressourcen bündelt und die interessenbezogene Schlagkraft erhöht, gilt Vernetzung. Aus der steuerungstheoretischen Perspektive stellt sich der netzartige Interessenzusammenschluß so dar: "Der Begriff 'Netzwerk' betont die Selbstorganisation bzw. -Koordination zwischen de facto autonomen Akteuren zur Erreichung eines gemeinsamen Resultates" (Messner, 1994, 565). Insbesondere policy networks werden als "neues Paradigma zum Verständnis der 'architecture of complexity'" aufgefaßt, die das bisherige Verfahren der Ordnung, die Hierarchie, an Bedeutung verlieren lassen (Messner, 1994, 565). Die Konstruktion von Netzen erscheint als perspektivenreiche Art und Weise der Gestaltung von gesellschaftlichen Veränderungsprozessen, die der aktuellen politischen Situation Rechnung tragen kann.

Mehr noch, die Entstehung von Netzwerken wird hierzu kausal in Beziehung gesetzt: Netze werden "interpretiert als Reaktionen auf soziale, politische und ökonomische" Veränderungen (Messner, 1997, 34). "In der Zukunftsforschung [...] sind Netzwerke selbstorganisierte Antworten auf Staatsversagen mit dem Ziel, Krisenerscheinungen gemeinsam zu bewältigen und der Intention einer aktiven Zukunftsgestaltung." (Stenzel, 1997, 61)

Zentrales Moment in solchen nicht-hierarchischen Organisationsformen ist Kommunikation. Um unter Gleichen Gestaltungsprozesse zu initiieren und Entscheidungen auszuhandeln, um vom Wissen im Netz zu profitieren, wird der Einsatz von sog. "'Weiche[n] Steuerungsmedien' wie Informationsfluß, Interessensintegration, prozedurale Festlegung" bedeutsam. (Messner, 1997, 33) Die Wahl der geeigneten Medien für Austausch und Koordination wird je nach Vernetzungsinteresse und Ziel zu einem entscheidenden Faktor.

Netzwerke haben sich in großer Zahl im frauenpolitischen Bereich gebildet. Ihnen geht es darum, selbstorganisierte, angepaßte und weitverzweigte Bindungsgefüge für die eigene Interessenvertretung aufzubauen. So fordert Heide Pfarr im Vorwort des Handbuchs "Netzwerke und Berufsverbände für Frauen" diese auf, sich zu vernetzen: "Wir müssen uns eigenständige Strukturen schaffen, die auf unsere Bedürfnisse, Fähigkeiten und Kenntnisse haargenau zugeschnitten sind. Sie müssen so stabil sein, daß sie taugen, ein Machtgebäude darauf zu errichten." (Pfarr, 1992, 11f.) Viele dieser Netzwerke zielen auf Partizipation von Frauen im Sinne der Forderung nach der "Hälfte Himmels".

Aus der Perspektive der Politikfeldanalyse erscheint Vernetzung vorrangig als Strategie für gesellschaftliche Veränderung. Sie "bezeichnet das Beziehungsgeflecht der politischen Akteure, die an einem Entscheidungsprozeß [...] beteiligt sind" (Walk/Brunnengräber, 1994, 634). In den letzten Jahren haben sich z.B. NROn vernetzt, um Basismacht zur Bearbeitung dringender ökologischer Probleme zu verstärken. "Die unzulängliche Durchsetzungsfähigkeit tradierter, internationaler Organisationen bewirkte die Suche nach neuen Organisationsformen, die für die Globalisierung der Problemlagen entsprechende Lösungen anzubieten haben." (Walk/Brunnengräber, 1994, 635) Interessanterweise setzten NROn Informationstechnologie als schnelles Kommunikationsmedium während des Rio-Gipfels ein, um mit der Basis täglich und ad hoc rückgekoppelt in den Formulierungsprozeß der Agenda gestaltend einzugreifen. (vgl. Walk/Brunnengräber, 1994, 639f.)

1.7 Vom Rechenzentrum zum Computernetz

Im Praxisfeld Informationstechnologie (IT), das ich hier gesondert ins Spiel bringen möchte, gewinnt eine Entwicklung an Bedeutung, deren Produkt die Verbindung von Computern ist. Glotz beschreibt diese Modifikation der EDV-Landschaft wie folgt: "Die entscheidende Veränderung geht ohne Zweifel von der mikroelektronischen Wende aus, die Anfang der 80er Jahre der Personalcomputer schuf. Vorher standen Computer in Rechenzentren, hinter mehrfach gesicherten Türen, von weiß bekittelten EDV-Hohepriestern umgeben. Heute ist an die Stelle eines zentralisierten Mediums nach dem hierarchischen Modell militärischer Befehlsgewalt [...] der PC als potentieller digitaler Integrator aller vorherigen Medien getreten. Jeder Empfänger kann Sender werden; er hat einen Rückkanal. Die technisch mögliche Dezentralisierung kann als großer Befreiungsschlag verstanden werden." (Glotz, 1996, 13) Das technische Resultat versteht sich einerseits als eine Lösung für die Vernetzungsbedürfnisse der AkteurInnen im vorwiegend technisch-wissenschaftlichen Bereich nach Ressourcenteilung und Kommunikation.(1)

Andererseits wird die Dezentralisierung von Macht und Rechten in technischen Umgebungen als enthierarchisierend und auch entmythisierend charakterisiert. Die Veränderung besitzt damit ein Befreiungs- und Selbstbestimmungspotential für die Beteiligten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Vernetzung der Computer prägt mittlerweile entscheidend EDV-Umgebungen in Unternehmen. "Die Diskussion um Telearbeit trifft heute auf Unternehmensstrategien, die auf Dezentralisierung und Outsourcing setzen. Managementkonzepte unter den Stichworten 'lean production' und 'business reengineering' zielen häufig darauf, kleine, selbständig handelnde Einheiten und flache Unternehmenshierarchien aufzubauen." (Schroeder, 1996, 55) Neben ökonomischen Gesichtspunkten wie Rationalisierung ist - nicht nur in bezug auf Telearbeit - besonders der Zusammenhang mit Konzepten der Organisationsentwicklung bedeutsam, die auf Dezentralisierung, Verflachung der Hierarchien und Teamarbeit abzielen. Im Bereich der politischen Bewegungen entstehen sog. Mailbox-Netzwerke, die ihre "'Wurzeln' in der US-amerikanischen Computergegenkultur" haben. (vgl. Kubicek et al., 1997, 111) War ursprünglich "das einigende Motiv dieser Computer-Szene, die sich aus Hackern, Programmierern, Crackern und auch Spielern zusammensetzte, [...] die Begeisterung für den Computer", so wurden in diese Netze "zunehmend kultur- und gesellschaftsbezogene Themen (Sport, Politik, Verkehr, Sexualität, Religion/New Age usw.)" integriert. Ein weiteres Resultat innerhalb dieses Spektrums ist die bundesdeutsche Frauen-Mailbox-Vernetzung, die die "alternativen" Computernetze mit Anliegen der Frauenbewegung verknüpft.

1.8 Internet als Symbol für Vernetzung

Das Internet wächst zum gesellschaftlichen Symbol für zeitgemäße Vernetzung und zum unumstößlichen Faktum sozialer Kommunikation heran, welches Auseinandersetzung einfordert. In meinen Überlegungen zum feministischen Internetdiskurs habe ich diesen über die Medien produzierten Druck als Ausgangspunkt genommen. "Mit einem Mal scheint es wichtig, zur Frage, was Feministinnen im Internet wollen, eine Position zu haben." (Paulitz, 1997, 64) Unabhängig davon, welcher Standpunkt eingenommen wird, erhält das Wissen über Beschaffenheit und Funktionieren des Internet einen priviligierten Stellenwert in der Diskussion über Vernetzung. (vgl. Paulitz, 1997, 64)

Die medienwirksame Verbreitung des Internet hat einen Effekt auf die Bedeutung des Wortes Vernetzung. Z.B. gibt es Vernetzungsworkshops, die die Nutzung des Internet nahebringen und aufzeigen, was bereits an Ressourcen im Internet vorhanden ist. Frauenvernetzung via Internet ist ein Thema geworden, für das sich bereits bestehende Netzwerke interessieren. Darüber hinaus bildete sich in jüngster Zeit eine Vielfalt neuer politischer Initiativen, die mit der Nutzung von Netzwerktechnologie als Kommunikationsmedium experimentieren.

1.9 Förderung demokratischer Prozesse durch computervermittelte Interaktion

Der konkret entwickelten, spezifischen Gestalt computerisierter Netzlandschaften wird u.a. ein demokratisches Potential zugesprochen. Die kritische Diskussion möchte neben den Risiken damit die Chancen elektronischer Netzwerke ausloten. Auf der Basis der technisch realisierten Merkmale, des rein theoretischen Möglichkeitsraums, entwickeln sich Hoffnungen, ein neues Idealmedium für mehr (Basis-) Demokratie gefunden zu haben. "Der elektronischen Vernetzung eilt eine Vision voraus, die in ihrer Schnelligkeit eine Unabhängigkeit von Raum und Zeit verspricht, alle Benutzer und Benutzerinnen gleich macht und als Erkennungsmerkmal für Modernität" gilt. (Stenzel, 1997, 63) Die offene, dezentrale Architektur v.a. des Internets hält - so die Argumentation - vielfältige Optionen für Selbstbeteiligung und Eigeninitative bereit. Nicht selten wird indes die Eigenverantwortung der Beteiligten zum eigentlich zentralen Moment: "Korporativ organisierte Netzwerke und/oder Datennetzwerke sind nur so gut wie sie von ihren Mitgliedern unterhalten, gestaltet und genutzt werden." (Stenzel, 1997, 65) Mit der Schaffung des freien Zugangs für alle zu elektronischen Netzstrukturen und der Entwicklung von Medienkompetenz, verstanden als effektive Handhabung von Technik und Informationsfülle, ist es daher sicherlich nicht getan. Mehr noch: Die Nutzbarmachung von Vernetzungstechnologie streicht die erforderliche Selbsttätigkeit als emanzipatorische Dimension heraus. Die von der Technologieentwicklung eingeschlagenen Pfade sowie die anknüpfenden gesellschaftlichen Diskussionen weisen ebenfalls Spuren des Paradigmenwechsels auf. Er enthält die Tendenz, hierarchisch gesteuerte Nutzung einer technisch vorbestimmten Handlungsfolge durch selbstgesteuerte Interaktion abzulösen. "Betont werden die zahllosen Kommunikationsmöglichkeiten des damit gestärkten Individuums. Seit etlichen Jahren werden digitale Techniken daher als 'Technologies of Freedom' interpretiert." (Kleinsteuber, 1996, 32)

Projekte der BürgerInnen-Vernetzung wie z.B. die "Digitale Stadt Berlin" sind ein Ansatz, Politikbeteiligung mittels der interaktiven Möglichkeiten neuer Technologien zu realisieren. Eine andere Möglichkeit, die über die lokale Verknüpfung hinausgeht, sind sog. Mailinglisten. Sie wollen Personenkreisen, die an einem gemeinsamen Thema interessiert sind, dezentral und zeitversetzt einen Diskussionraum bieten.

Zusammenfassend kann festgehalten werden, daß der sich vollziehende Paradigmenwechsel ein komplexes Geflecht von gesellschaftlichen AkteurInnen, staatlichen und nicht-staatlichen Institutionen etc. ergreift. Politische, soziale u.a. Bewegungen "von unten" treffen mit der Umsetzung ihrer Selbstbestimmungs-Konzepte auf zeitgleiche Tendenzen staatlicher Steuerungsverluste und den Rückgang sozialstaatlicher Verantwortung. Die Mobilisierung eigener Ressourcen in Vernetzungsstrukturen gewinnt als Strategie der Unterstützung, Einflußnahme und der Forcierung gesellschaftlicher Gestaltungsanliegen an Bedeutung. Die sich im IT-Bereich entwickelnde lokale und internationale Vernetzung von Computern(2)

nimmt verstärkt Einfluß auf die konkrete Realisierung von Netzwerken. IT wird als Medium für dezentrale und demokratiefähige Bündnisse angeboten. Die technischen Voraussetzungen sind geschaffen. Nun wird der Ball wieder an die Nutzungsaktivität der Einzelnen zurückgespielt. Damit rückt die Mikroebene, das Subjekt und sein Beteiligungsvermögen, in den Brennpunkt des Geschehens.

Entwicklung von Perspektiven

Ausgehend von der Relevanz der Mikroebene, die der beschriebene Paradigmenwechsel hervortreten läßt, möchte ich nun drei Perspektiven entwickeln. Sie konzentrieren sich auf die Frage nach dem Subjekt seines sich herausbildenden Selbst- und Weltverständnisses in Auseinandersetzung mit Informationstechnologie. Darüber hinaus betrachte ich die Machtförmigkeit des Netzsubjekts mit ihren normierenden aber auch gestaltenden Seiten.

2.1 Subjekte und Vernetzungstechnologie

Das Verhältnis von Subjekten und Informationstechnologie ist schwerlich auf die Eigenschaften technologischer Produkte reduzierbar. Meyer-Drawe weist die rein instrumentelle Auffassung von Technik aus einer philosophischen Argumentation heraus zurück. In Anschluß an Tibon-Cornillot geht sie davon aus, daß Maschinen einen "intermediären Raum [...] bilden, in dem sich die Vitalisierung des Technischen und die Technisierung des Vitalen als unauflösliche Symbiose vollziehen. Die Apparate erhalten uns am Leben. In den Apparaten erscheint Leben." (Meyer-Drawe, 1996, 17) Diese Vermischung hat zur Konsequenz, daß die Erforschung eines "natürlichen" Subjekts, das der "künstlichen" Technik gegenübersteht oder -sitzt, zu verkürzten Ergebnissen kommen muß. Allein die kontrastierende Entgegensetzung von zwei AkteurInnen - Mensch auf der einen und Maschine auf der anderen Seite - ist das Ergebnis einer spezifischen Denkstruktur. Haraway's "Cyborg"-Konzept verstehe ich in diesem Zusammenhang als ein Subjektmodell, das Hybridisierungen geradezu programmatisch favorisiert. (vgl. Haraway, 1985) Sie plädiert für eine Verwischung der im abendländischen Denken angelegten absoluten Abgrenzungen zwischen Tier und Mensch und zwischen Mensch und Technik. Hintergrund ist die Formulierung einer politischen Utopie. In der Anerkennung der eigenen Mischexistenz liegt aus ihrer Sicht die Chance, sich in die Verhandlungen über die konkrete Linienführung von Grenzen einzumischen.

Auch in der Debatte um die neuere Vernetzungstechnologie basiert die Vision der raumzeitlichen Unabhängigkeit sowie Egalität und Modernität durch Vernetzungstechnologie auf Prognosen, die sich allein von der Beschaffenheit und Symbolik der neuen Technik ableiten. Dabei fällt auf, daß der Blick auf die reine Handhabung der Technik zugleich eine Tendenz zur Instrumentalisierung der Subjekte widerspiegelt. Die "NutzerInnen" werden gleichsam selbst zu Automaten, die die Technik häufig oder selten, kompetent oder amateurInnenhaft etc. bedienen. Die Technik selbst scheint in diesem Spiel - einer geradezu unzugänglichen Eigengesetzlichkeit folgend - einfach vorhanden und zur Benutzung angeboten zu sein. Allerdings: "Der konkret eingeschlagene Weg [der technischen Entwicklung] wird nicht naturgesetzlich vorgegeben, sondern von durchsetzungsfähigen Akteuren nach ihren Vorstellungen gestaltet." (Kleinsteuber, 1996, 32) Die reduzierte Sicht verdeckt folglich sowohl die Geschichte und Interessen der Technikherstellung als auch die komplexen Prozesse von Technikimplementierung. Ich möchte in meinen Überlegungen jedoch keine dieser beiden Perspektiven einnehmen. Meine These ist, daß die unumgängliche Auseinandersetzung mit einer Technik, deren massive Präsenz dies einfordert, Wirkungen erzeugt, die sich in den Haltungen von Subjekten niederschlagen.

Besonders für Personen, die sich in sozialen Vernetzungszusammenhängen organisiert haben, läßt sich das Verständnis davon, was sie selbst sind, und was ihre Umgebung ist, nicht mehr von den Bildern, Möglichkeiten und Visionen der Vernetzungstechnik abkoppeln. Mehr noch, über die inhaltliche Besetzung der Vokabel "Netz" besteht zunehmend Unklarheit. Es muß im jeweiligen Fall geklärt werden, von was genau gesprochen wird: Von der Vernetzung der Archäologinnen und ihrem letzten Netzwerktreffen z.B. oder vom Plauderabend in einem Chatroom? Auf welche konkrete Praxis die Verwendung der Metapher jeweils hinweisen soll, verwischt nicht selten zur Unkenntlichkeit. Dieser Umstand deutet daraufhin, daß die Bedeutung der Netzmetapher eine Veränderung erfahren hat. Sie wird zunehmend mit dem Bildvorrat gefüllt, der in Zusammenhang mit Computertechnik entwickelt wird. Bei der Frage, ob vernetzte Subjekte sich und ihre Welt in Vernetzungstechnologien wiederfinden, scheint mir die philosophisch-historische Perspektive von Meyer-Drawe bedeutungsvoll. Ihrer Darstellung der "Menschen im Spiegel ihrer Maschinen" (1996) zufolge "provozieren uns unsere Maschinen [...] die alte Frage nach uns selbst neu zu stellen. Wie die Androiden des achtzehnten Jahrhunderts die Suche nach der Seele forcierten und so zum Teil gegen die Absicht ihrer Konstrukteure an der Herausbildung der Illusion eines autonomen Subjekts mitarbeiteten, so stacheln elektronische Datenverarbeitungssysteme uns heute an, nach dem Unkalkulierbaren unserer Existenz zu fragen". (19)

Wird dieses Unkalkulierbare menschlicher Interaktion heute nicht in ein Computer-Netz transferiert, in dem Abenteuer zu bestehen und neue Welten zu entdecken sind? Erfährt das Nicht-Programmierbare, das als unnachahmlich menschlich einst vor dem Zugriff des Computers gerettet werden konnte, unter dem Stichwort "Leben im Netz" eine Einpassung in technische Formate und Standards?

Die Frage, ob im neuen Möglichkeitsraum neue Allmachtsphantasien, z.B. der Ausdehnung der eigenen Reichweite, aber auch Abgrenzungsbedürfnisse, z.B. nach einer "authentischen" menschlichen Kommunikation entstehen, wäre zu stellen. Anders ausgedrückt: Inwiefern unsere Vernetzungstechnologien uns erneut zu Selbst- und Welterklärungen bewegen, die vielleicht Bedürfnisse nach Grenzüberschreitung auf der einen und die Suche nach der nicht-simulierten Begegnung auf der anderen Seite dokumentieren, ist offen.

Netzwerke besitzen programmatisch den Fokus, einzelne AkteurInnen in ein soziales Geschehen einzubinden. Autonomie existiert in diesem Konzept nur innerhalb eines wechselseitigen Beziehungsgefüges. Daran schließt sich die Frage an, ob sich für "Netzsubjekte" die Auffassung vom Status der eigenen Existenz verändert. Erwirbt das ehemals autonome Subjekt eine neues Selbstverständnis, das sich in einem Spannungsverhältnis zwischen Netzbindungen und Eigenständigkeit bewegt? Wirkt die Technik, die potentiell alle mit allen verbinden kann, als Katalysator für ein neues Subjektmodell?

2.2 Normierungsmacht

Die partizipativ eingebundenen und nach eigenen Interessen handelnden Subjekte in Netzwerken sind auch aus einer machttheoretischen Perspektive Resultat eines Konstitutionsprozesses. Bezieht man Foucaults Machtverständnis in die Betrachtung ein, so scheinen Prozesse der Selbstorganisation mit produktiv wirkenden Subjektivierungsweisen einherzugehen. Netzsubjekte entscheiden sich für die Entwicklung des Selbst zu einem modernen, eigeninitiativen, selbstbestimmten, vernetzten Menschen. Neu ist, daß moderne Subjekte in Zusammenhang mit der Entwicklung der IT von ihrer Option auf "grenzenlose Kommunikation und Information" (zumindest) wissen. Der Einsatz von Vernetzungstechnologie für die Organisation des eigenen Netzes wird ein Faktor, der Berücksichtigung erfahren muß. Eine Norm kommt ins Spiel, deren Wirkungsmacht an verschiedenen Stellen zutage tritt. Der Einsatz von IT als Mittel für die Vernetzung steht für Fortschrittlichkeit und weist darauf hin, daß die Zeichen der Zeit erkannt wurden. Dies ist z.B. das Ergebnis einer Befragung von Fraueninitiativen in Südamerika: "In der Absicht zu zeigen, daß sie mit ihrer Kommunikationsstrategie auf dem laufenden sind, teilen sie mir mit, daß es notwendig ist, ein zeitgemäßes Medium zu benutzen." (Sørensen, 1995, 125)

Ein weiteres Indiz sind die negativen Prophezeihungen für diejenigen, die sich der neuen Technik nicht stellen wollen oder können. Mit der Aufstellung einer Art neuen Kanons für die Grundbildung von "morgen" finden sich die "Gestrigen" zu potentiellen AnalphabetInnen konstruiert, die die geltende Norm nicht erfüllen. Sabisch weist zu Recht auf die darin wirkenden Ausschlußmechanismen hin. (vgl. Sabisch, 1996, 9) Bezogen auf den gesellschaftlich manifesten, erschwerten Zugang von Frauen zu technischen Berufen und Erzeugnissen (mit Ausnahme der Haushalts- und Bürotechnik) besitzt die Forderung z.B. nach "mehr Frauen im Internet" emanzipatorischen Charakter. Daß in dem politischen Ziel, Zugangsbarrieren und damit Ausschlüsse aufzuheben, allerdings auch eine subtile Normierungsmacht die Hände im Spiel hat, wäre in die Diskussion zu miteinzubeziehen.

Sie ist eine Macht der Nahelegung, der Ermöglichung aber auch der Notwendigkeit, deren konkrete Resultate, die konkrete Ausgestaltung der modernen Netzsubjekte, noch nicht bekannt sind. Einen Hinweis darauf gibt vielleicht eine allgemeine Äußerung über die Vorteile der Netzwerkbildung (unabhängig von IT) in der Arbeit der NROn. Vernetzung kann "zur optimalen Ressourcenausschöpfung und Effektivierung der politischen Arbeit beitragen. Umgekehrt kann auch die Interessenbündelung zur Stärkung der einzelnen Gruppen führen." (Walk/Brunnengräber, 1994, 636) Solche Einschätzungen weisen Denkstrukturen auf, die ökonomische Argumentationsfiguren enthalten. Praxen der Effektivierung der Netzbindungen und des rationelleren Einsatzes der knappen eigenen Ressourcen werden in der bislang eher informell gehaltenen politischen Arbeit wirksam. Sie stehen im Kontext von Professionalisierung und Organisationsentwicklung, die zunehmend in selbstorganisierten Arbeitsstrukturen relevant werden. Zugleich sind sie ein Dokument faktischer Ressourcenknappheit bzw. steigender -verknappung in diesem Sektor.

2.3 Konstruktion von Gegenmacht

In Empowerment-Netzwerken geht es erklärtermaßen darum, "Gegenmacht" aufzubauen. Die Vernetzung und die dabei relevanten Subjektivierungsprozesse möchten machtvolle AkteurInnen in eigener Sache hervorbringen, die gesellschaftlichen Einfluß erlangen. Teilhabe, Definitions- und Gestaltungsmacht, d.h. festzulegen, was als Problem aufgefaßt wird und wie es gelöst werden kann, sind Ziele von Vernetzung. Es kann also nicht allein von einer diskursiven Praxis ausgegangen werden, die normierend wirkt und die Subjekte in ihren Befreiungsbestrebungen nur noch subtiler ergreift. Netzwerke sind gleichzeitig verbunden mit "Technologien des Selbst" im Sinne von Foucault (1988), der Arbeit der Subjekte an sich selbst, um etwas zu gewinnen und zu verändern. Das Wissen um die in Netzen wirksamen Subjektivierungsprozesse kann als Voraussetzung dienen, die Seinsweise des selbstbestimmten Netzsubjekts als machtförmiges Konstrukt anzuerkennen und dadurch Strategien zu entwickeln, bei der Konstruktion mitzumischen. Haraway sieht im Cyborg-Konstrukt auch eine Anerkennung des Menschen als Wesen, das von Machtwirkungen durchzogen ist. Sie setzt das Bild des Netzes ein, um sowohl die Strategien der Herrschaftsausübung (z.B. die multinational operierender Unternehmen) als auch die Möglichkeiten oppositioneller Praxis zu charakterisieren. (vgl. Haraway, 1985, 60) Vernetzung, verstanden als wirkende Norm für effektives Handeln in der gegenwärtigen Welt beinhaltet damit systematisch auch den Aspekt der Gestaltungskraft und der Intervention. Die Frage danach, wie sich das selbtbestimmte, vernetzte Subjekt steuert, was es lernen will, um selbst die Steuerung zu übernehmen, ist zentral. Welche Handlungspotentiale eröffnet das Wissen der Netzsubjekte?

3. Netzsubjektivität als Fokus

Den oben entwickelten Perspektiven ist das Interesse an der Herstellung von Subjekten in Netzwerken gemeinsam. Die Situation, in der dies gegenwärtig stattfindet, ist stark geprägt von Entwicklungen in der IT, die möglicherweise als "materialisierte Selbstauffassungen" funktionieren. (Meyer-Drawe, 1996, 28) Andersherum betrachtet, drängt sich die Frage auf, inwiefern die neue technische Logik in subjektivierende Wissenbestände einfließt. Dies verstehe ich nicht als determinierende Folgewirkung von Technik auf Menschen und ihren Alltag und auch nicht als Effekte einer unterwerfenden Macht. Mein Interesse gilt vielmehr den produktiven Veränderungen des Subjekts in Netzwerken, welche dieses durchziehen, welche es an sich selbst vornimmt und welche auf Befreiung und Selbstbestimmung abzielen.

Meine Erforschung von Vernetzungsaktivitäten wendet sich deshalb einem Gegenstand zu, den ich als Netzsubjektivität bezeichne. Den Begriff Netzsubjektivität, der das Zentrum meines Interesses bildet, verstehe ich nach Foucault im Kontext der "Technologien des Selbst", "die es dem Einzelnen ermöglichen, aus eigener Kraft oder mit Hilfe anderer eine Reihe von Operationen an seinem Körper oder seiner Seele, seinem Denken, seinem Verhalten und seiner Existenzweise vorzunehmen, mit dem Ziel, sich so zu verändern, daß er einen gewissen Zustand des Glücks, der Reinheit, der Weisheit, der Vollkommenheit oder der Unsterblichkeit erlangt." (Foucault, 1988, 26) Die Begrifflichkeit "Technologie" kann vielleicht in ihrer doppelten Positionierung zur sozialen Welt für die Subjektwerdung fruchtbar gemacht werden: Sie meint einerseits etwas Programmierendes und deshalb Realität nach einer bestimmten Struktur Produzierendes und erweist sich als etwas Veränderbares, in deren Logik und konkrete Gestaltung eingegriffen werden kann. Beides ist zeitgleich ineinander verwoben.

Damit richtet sich meine Suchbewegung auf das Werden und die Beschaffenheit einer Existenzform, der vernetzten Selbstorganisation, die sich im neuen Paradigma und unter den Bedingungen von Staatsentlastung, Globalisierung und den Entwicklungen der IT herauszubilden scheint.

Literatur:

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Kubicek, Herbert et al., 1997, Bürgerinformation durch "neue" Medien. Analysen und Fallstudien zur Etablierung elektronischer Informationssysteme im Alltag. Opladen.

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Weber, Susanne, 1998, Organisationsentwicklung und Frauenförderung. Eine empirische Untersuchung in drei Organisationstypen der privaten Wirtschaft. Königstein/Ts.


Endnoten

1.

1 Beide Begriffe besitzen bereits auf der Ebene reiner Datenflüsse eine Bedeutung: Auch der programmierbare Datenaustausch zwischen Rechnern gilt im informationstechnischen Vokabular als Kommunikation, und der systemgesteuerte Zugriff auf Daten und Programme gilt als Ressourcenteilung. (zur Diskussion dieser Kommunikationsbegriffe vgl. Paulitz, 1996, 117) Über den Ursprung des Internet schreiben Goldmann/Herwig und Hooffacker z.B., daß es einen Vorteil darstellte, "daß jeder Computer, gleich welchen Typs, mit jedem anderen Rechner im Verbund kommunizieren konnte." (Goldmann/Herwig und Hooffacker,1995, 14)

2.

2 Die "globale" Vernetzung ist zwar in aller Munde. Sie wird auch mit der Ausdehnung von Telekommunikationsmärkten vorangetrieben. Gleichzeitig ist sie weit davon entfernt, globale Realität zu sein, weswegen ich auf die rituelle Wiederholung der Rede vom "weltweiten" Computernetz verzichten möchte.