Schulen ans Netz - und wo bleiben die Lehrerinnen?


Hiltrud Westram

 

1. Das Internet und die Frauen

In den Medien werden die neuen Informations- und Kommunikationstechnologien ausführlich thematisiert. Die Schlagwörter Internet, Multimedia, Online/Offline oder World Wide Web fallen fast täglich. Über die Hälfte der Deutschen kennt mittlerweile den Begriff Internet. Es wird von 'Erfolgsstory' und den vielen neuen Arbeitsplätzen gesprochen, die geschaffen werden sollen. Die Prognosen gaukeln eine schöne neue Medienwelt vor: "Milliardenmarkt Online: 14 Millionen Nutzer, 1,2 Milliarden DM Internet-Umsätze allein in Deutschland in den nächsten Jahren" [1].

Nach aktuellen Untersuchungen ist die Beteiligung der Bevölkerung an diesen Neuen Medien jedoch unausgewogen: So liegt der Anteil der Frauen in Deutschland weit unter dem Durchschnitt und bewegt sich je nach Untersuchung zwischen 10% und 30%. Bekannt sind die W3B-Analysen (der Meinungsumfragen, die durch die Firma Fittkau & Maass im Internet über das WWW durchgeführt werden http://www.w3b.de), die auf regelmäßigen halbjährlichen Erhebungen beruhen. Darin zeigte sich nach der 6. Erhebung im Frühjahr 1997 folgendes Profil: "Der typische Online-Nutzer ist männlich, 29 Jahre alt, Student, Angestellter oder Selbständiger und verfügt über ein Bruttoeinkommen von unter 2.000 DM oder zwischen 4.000 und 7.000 DM". Und ein Stück weiter heißt es: "So hat sich innerhalb nur eines Jahres der Anteil der Frauen in den Datennetzen um 50% erhöht. Dennoch ist Online noch männerdominiert (91%). Zum Vergleich: In den USA ist jeder dritte Online-User eine Frau"[2].

Selbst in feministischen Foren, in denen Frauen eigentlich interessierter und sachkundiger sind, dominieren Männer das Gespräch. In einer Untersuchung über die Newsgroup alt.feminism fand Laurel Sutton 1993 heraus, daß 74% der Postings von Männern stammten. Frauen kamen auf 17%, die restlichen 9% stammten von Personen, deren Geschlecht unbekannt war [3].

Susan Herring, Deborah Johnson und Tamra DiBenedetto haben in einer Studie über Frauen und Männer im Netz einige Regeln gemischt-geschlechtlicher Gespräche in der virtuellen Realität dokumentiert. Ihre Zahlen über männliche und weibliche Beiträge zeigen, wie marginalisiert Frauen sind. Selbst Linguistinnen haben Schwierigkeiten, einen Raum zu finden. Im elektronischen Diskussionsverzeichnis LINGUIST plazierten Frauen 20 Prozent der Postings; wenn Männer eine Diskussion intellektualisierten" (Sie wollen damit sagen..."), waren sie am wenigsten beteiligt. Interessant ist, daß auf Befragen beide Geschlechter erklärten, sie würden durch die bombastischen, feindseligen Postings einer kleinen Minderheit männlicher Teilnehmer, die erfolgreich die Diskussion beherrschten, eingeschüchtert" [4].

Schließlich untersuchte We in einer qualitativen Online-Befragung das geschlechtsspezifische Online-Verhalten in Relation zum Verhalten in der Realität. "... demzufolge empfinden Frauen die Online-Kommunikation mit Männern einerseits mehr, andererseits weniger geschlechtsstereotyp als in der Realität. Professionelle Kontakte sind dadurch gekennzeichnet, daß eine Diskussion sachlicher, ohne ständig - wie in der Realität - auf das Geschlecht festgelegt zu werden, verläuft. In sozialen Kontakten wird vor allem geschätzt, daß Männer offener für bestimmte Themen wären." Leicht nachzuvollziehen ist, daß die Möglichkeit der Unterbrechung eines Diskussionsbeitrags von Frauen geringer wäre und Frauen einen aktiveren Part in der Diskussion einnehmen könnten. Andererseits liefe sexuelle Belästigung online direkter und brutaler als in der Realität [5].

Mittlerweile gibt es eine ganze Reihe von Untersuchungen über soziographische Daten im Internet. Sie alle stützen mehr oder weniger die o.a. Verteilung von Frauen und Männern.

2. S a N - eine Initiative für die Schulen

Seit zwei Jahren gibt es die Initiative Schulen ans Netz, angestoßen von Prof. Rainer Busch, aufgenommen vom Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Technologie (BMBF) und der Deutschen Telekom. Ehrgeiziges Ziel ist die Anbindung aller 44000 weiterführenden Schulen in Deutschland an das Internet. Dazu wurden im ersten Durchgang 59 Mill. DM bereitgestellt, in einem zweiten werden ab 1999 weitere 100 Mill. zur Verfügung gestellt werden [6]. Die ersten Schulen sind mittlerweile mit einem Multimedia-PC und ISDN-Anschluß ausgestattet - und das wird von den Initiatoren und Sponsoren als großer Erfolg gefeiert. Wie die Wirklichkeit an den Schulen, in den Klassenzimmern im Schulalltag aussieht, wenn 33 Vierzehnjährige sich um einen Rechner scharen sollen, um Medienkompetenz zu erwerben, wird kaum thematisiert.

Natürlich mußte irgendwie ein Anfang gemacht werden und das neue Medium in die Schulen gebracht werden und natürlich können weder kurz- noch langfristig die 84 Milliarden DM bereitgestellt werden, die kürzlich mit der Forderung: 'Jedem Schüler einen Laptop' durch die Presse geisterten. Doch diese ersten bescheidenen Anfänge schon als 'Erfolgsstory' zu verkaufen, ist ein Hohn für die beteiligten Lehrerinnen und Lehrer.

Lehrerinnen und Lehrer mit ihren Fächern im Netz

Untersucht man, welche Fächer die 'Vorreiter' bzgl. des Unterrichtseinsatzes des Internet vertreten, ist eine Ungleichverteilung mit einem starken Übergewicht des mathematisch-naturwissenschaftlichen Aufgabenfeldes festzustellen. Noch dramatischer ist die mangelnde Präsenz der Lehrerinnen. Wie Frauen ganz allgemein, müssen auch die Lehrerinnen bisher 'wie Stecknadeln im Heuhaufen' gesucht werden. Ihr Anteil ist verschwindend gering.

Beides läßt sich durch aussagekräftige Zahlen belegen: In der ersten Runde konnte jede Schule in NRW einen Antrag auf Förderung stellen und mußte dabei die Namen zweier Lehrkräfte mit ihren Fächern benennen - eine/n Projektleiter/in (PL) und eine weitere Lehrkraft. Dabei erhielten bundesweit etwa 3500 Schulen eine Förderung, ca. 1300 davon in NRW. Ausgewertet wurden die 968 Anträge, die von den allgemeinbildenden Schulformen mit Sekundarstufe 1, also Haupt-, Real-, Gesamtschulen und Gymnasien gestellt worden waren. Bei der Durchsicht dieser Anträge fällt zunächst auf, daß die Verteilung der Fächer der PL einseitig zugunsten des mathematisch-naturwissenschaftlichen Aufgabenfeldes ausgerichtet ist: nur 23,4% der Männer und ebenso nur 23,8% der Frauen gaben an, keines der Fächer Mathematik, Physik oder Informatik zu unterrichten, dementsprechend die anderen Fächer deutlich unterrepräsentiert sind [7].

Konkret sieht dies am Gymnasium, das sich nicht wesentlich von den anderen Schulformen unterscheidet, folgendermaßen aus: Als Projektleitung werden hier 21 Frauen und 380 Männer genannt.

Die 21 Projektleiterinnen unterrichten 44 Fächer:

Mathematik 15 (71,4 %)*)

Informatik 10 (47,6 %)

Physik 5 (23,8 %)

Englisch 3 (14,3 %)

Erdkunde 3 (14,3 %)

Biologie 2 (9,5 %)

Chemie 2 (9,5 %)

Pädagogik 2 (9,5 %)

Latein 1 (4,8 %)

Philosophie 1 (4,9 %)

*) Proz. Anteil der Fächer der PL

Die 380 Projektleiter geben insgesamt 839 Fächer an, wovon in Tabelle 1 nur die Zahlen und prozentualen Anteile für Mathematik, Physik und Informatik aufgeführt und dem gesamten prozentualen Anteil gegenüber gestellt sind:







Zahl der PL

Anteil der dieses Fach

unterrichtenden PL

Anteil der am Gymnasium dieses Fach Unterrichtenden
Informatik 201 52,9 % 4,5 %
Mathematik 239 62,9 % 18,8 %


Physik


124


32,6 %


8,4 %

Tabelle 1: ProjektleiterInnen am Gymnasium in NRW insgesamt und bei Schulen ans Netz

 

Dabei sind die folgenden Kombinationen besonders häufig:

137mal Informatik / Mathematik,

51mal Mathematik / Physik (ohne Informatik)

Umgekehrt geben nur 69 Projektleiter (18,2%) weder Mathematik noch eine Naturwissenschaft als eines ihrer Fächer an. Alle anderen (81,8%) unterrichten wenigstens eines dieser Fächer. Am Beispiel Mathematik am Gymnasium läßt sich die Schieflage nochmals gut verdeutlichen (Tab. 2):



w m
Lehrkräfte (insgesamt) 14209 20671
Mathematik 1918 4638
prozentualer Anteil 13,5% 22,4%


bei Schulen ans Netz


71,4%


62,9%

Tabelle 2: MathematiklehrerInnen am Gymnasium in NRW insgesamt und bei Schulen ans Netz

Weiter fällt auf, daß der Anteil der Lehrerinnen und Lehrer nicht dem in den einzelnen Schulformen insgesamt entspricht. So ist die Projektleitung nach eigener Recherche zu ca. 93% (Tab. 3) in der Hand von Männern und auch die zweite Lehrkraft, die benannt werden mußte, war auch noch zu 82% ein Mann.

Frauen insges. (%) Frauen als PL (abs.) Frauen als PL (%) Männer als PL (abs.) Männer als PL (%)
Gesamtschulen 52,44 9 6,82 123

93,18
Gymnasien 40,74 21 5,24 380 94,76
Hauptschulen 51,05 15 7,11 196 92,89
Realschulen 62,19 24 12,44 169 87,56


gesamt


70
7,23

898


92,77

Tabelle 3: Die absolute und relative Verteilung von Frauen und Männern und als ProjektleiterIn an den einzelnen Schulformen in NRW [7]

Diese Zahlen lassen sich plakativ zusammenfassen:

These 1:
Lehrer aus dem mathematisch-naturwissenschaftlichen Aufgabenfeld haben das Netz 'fest im Griff'.

These 2: Lehrerinnen kommen nicht vor.

Es drängt sich die Frage auf, ob sie dem Internet skeptisch bis ablehnend gegenüber stehen und sich selbst ausgrenzen oder werden sie ausgegrenzt? Wie alle Thesen, die plakativ und verkürzend einen Sachverhalt beschreiben, wird man damit den tatsächlichen Verhältnissen an den Schulen nicht gerecht. Die Ursachen für die Schieflage, was die Fächer und das Geschlecht betrifft, sind viel zu komplex als daß sie sich in diese Thesen pressen ließen. Bevor ich nun genauer darauf eingehen werde, werde ich zunächst 'ins Netz' gehen und mich dort umsehen.

4. Beobachtungen im Netz

Für viele Schulen, die als innovativ gelten möchten, ist es heute ein Muß, sich mit eigener Homepage im Netz zu präsentieren und sich beim Deutschen Bildungsserver in Berlin einzutragen. Auch dort findet man viele Lehrer als Webmaster und kaum Lehrerinnen, die für die Schulseiten verantwortlich zeichnen.

Nicht weniger deprimierend ist die Ungleichverteilung bei denjenigen Lehrkräften, die in NRW den Projektschulen unterstützend auf dem Weg in die Wissens- oder Informationsgesellschaft beiseite stehen sollen. Hier sind zur Einführung der Telekommunikation an Schulen 170 Lehrkräfte als ModeratorInnen berufen, davon sind 17 weiblich; und diese 'stolze' Zahl von 10% wurde erst im zweiten Anlauf erreicht.

Schaut man sich die von der Fa. Microsoft zur Unterstützung der Schulen eingerichtete Mailingliste plant an, sind auch dort nur vereinzelt Frauen zu finden. Dabei geht es im wesentlichen um die vielen ungelösten (oder gar unlösbaren?) technischen Probleme beim Zugang zum Netz. Schaut man sich die Inhalte genauer an, stellt man sehr schnell fest, daß sich Lehrer (!) stunden-, tage- und gar wochenlang mit der Technik beschäftigen und versuchen, (fast unüberwindliche) Hürden zu bewältigen.

Die Mailingliste www-Schulen, von Frerk Meyer (Humboldt-Universität Berlin) moderiert, hat sich zwar als Aufgabe der inhaltlichen Diskussion verschrieben, und trotzdem werden immer wieder technische Fragen, Fragen geeigneter Hard- und Software diskutiert. Fragen der Planung, Durchführung und Bewertung von Projektarbeit, des geeigneten Einsatzes des Internet im Fachunterricht sind eher die Ausnahme, ebenso wie z.B. die kürzlich geführte Diskussion "Initiative Schulen ans Buch". Diese Beobachtungen ließen sich beliebig fortsetzen.

5. Ursachen für die Abwesenheit von Lehrerinnen

5. 1. Einfluß der Informatiklehrer


Um weitere Ursachenforschung zu betreiben, habe ich 10 Lehrerinnen und 20 Lehrer, die über erste Erfahrungen verfügen, zu der Thematik interviewt. Da ist zu hören:

"So, und die Leute, die da also so als Computerfreaks, oder was, rumlaufen, das sind dann drei Männer, ... Aber da ist keine Frau dabei, und das könnte ich mir nicht vorstellen, daß da eine Frau dabei wäre."
(Lehrer)

"Ich habe dann auch nach einer Weile gemerkt, daß die, auch ein paar ältere [Frauen], denen ich das nie zugetraut habe, mitgezogen haben. Also wir haben eine fanatische Internet-Anhängerin, der hätte ich das nie zugetraut, das ist Wahnsinn." (Lehrer)

"Es gibt ein paar Experten schon an unserer Schule, das sind Männer, die reden natürlich nicht mit mir, klar, die bleiben unter sich ..." (Lehrerin)

"Also das habe ich jetzt mit gar keinem Kollegen abgesprochen, weil meine ganzen männlichen Kollegen, die würden da rumnörgeln, was bringt das überhaupt?" (Lehrerin)

Diese Ausschnitte aus Interviews zeigen, daß Lehrern und da im besonderen den Informatiklehrern, eine entscheidende Rolle bei der Beteiligung von Lehrerinnen zukommt. Da wird Frauen pauschal abgesprochen, sich gerne mit dem Computer zu beschäftigen und es nicht nur als Arbeit, sondern auch als Hobby zu betrachten. Ihnen wird (zunächst) rigoros jede Kompetenz abgesprochen und die Frauen müssen erst beweisen, daß sie die notwendigen Kenntnisse haben. Oder sie werden schlicht und einfach ignoriert - und die Lehrerin hat sich damit abgefunden! Schließlich braucht sie eine Menge Energie und Durchsetzungsvermögen, wenn sie auch noch den Widerstand der Kollegen überwinden muß. Auch wenn die Aussagen nicht repräsentativ sind und es andere Schulen gibt, wo solche Kommentare undenkbar wären, so werfen sie doch ein bezeichnendes Licht auf die Situation an Schulen.

5.2. Die Doppelbelastung von Lehrerinnen

Ein anderer Aspekt, der in den folgenden Aussagen angesprochen wird, war für mich zunächst überraschend, läßt sich dann aber durchaus plausibel begründen:

"... das fand ich wieder so auffällig, weil das also dann auch wieder Kolleginnen sind, die die Familienphase schon längst hinter sich haben. Denn normalerweise würde man erwarten, daß da junge Kolleginnen sind, ..." (Lehrerin)

" ... waren noch drei Latein-Lehrerinnen dabei, die alle über 50 sind ..." (Lehrer)

Frauen, die heute immer noch mehr oder weniger allein für die Erziehungs- und Hausarbeit zuständig sind, haben, wenn die Kinder erwachsen sind, neue Freiräume. Sie sind inzwischen perfekt in der Organisation des Haushalts und investieren darin nur noch ein Minimum an Zeit. Wenn dann noch die studierenden Kinder ihre Mütter auffordern, mit ihnen per E-Mail zu kommunizieren, ist das der auslösende Faktor, sich endlich diesem neuen Medium zuzuwenden - und schon stellt sich auch die Frage eines sinnvollen Unterrichtseinsatzes. Jüngere Kolleginnen (mit kleineren Kindern) dagegen können es sich nicht leisten, sich zusätzlich mit einem solch zeitaufwendigen Medium auseinanderzusetzen und sich in ihrer Freizeit die notwendige Kompetenz anzueignen. Ihnen fehlt die Zeit dazu!

5.3. Die Technik

"Also ein bißchen sind wir ja alle überrascht worden, glaube ich, oder überrumpelt worden, sagen wir mal so, von diesen technischen Fragen."

Dieser Satz sagt im Grunde schon fast alles. Auch in den Ausführungen zur Mailingliste plant kommt zum Ausdruck, daß die technischen Probleme alles andere überschatten. Dies wird auch in den Interviews und in vielen der in NRW durchgeführten Workshops zu Schulen ans Netz deutlich.

Schließlich sperren sich viele Kolleginnen (und Kollegen) gegen Computer und damit auch gegen das Internet.

"Aber die Scheu vor der Technik bei den Kollegen ist so immens!"


Sie sehen nur dieses zwangsläufig notwendige Gerät. Wenn dann noch die Maschine nicht wirklich einfach zu bedienen ist, Fragen der technischen Realisierung im Vordergrund stehen und jede inhaltliche Diskussion des Unterrichtseinsatzes im Keim ersticken, machen sie lieber einen großen Bogen um die Computer, meiden den Informatikraum und lehnen das Internet in Bausch und Bogen ab. Bezeichnenderweise wurde in allen Interviews dieses Problem als eines der größten benannt und die verschiedenen Aspekte angeschnitten:

" ...aber natürlich war quasi Bedingung, daß ich mit in den Inforaum reingeh' und sozusagen für die Technik zuständig bin und der Kollege fürs Inhaltliche, anders geht's zunächst mal nicht."

"Aber ich kann es wirklich nicht selbst, diese technische Reparaturen, das kriege ich nicht hin."

"... alles, was in Richtung Technik geht, ist natürlich auch ein Problem. Ich mein', so ein blödes Netzwerk reicht ja aus, und es gibt Sabotage, daß da einer das Kabel 'rauszieht, daß der ganze Ring unterbrochen, dann läuft man da wie ein Idiot durch die Gegend und guckt da und da, und was ist denn da jetzt wieder?"

" ... unser Internetraum wird nicht von mir betreut, den betreut ein anderer Kollege, und der ist eigentlich mehr Technik-Freak. Also ich habe das damals, diese Wingate-Geschichte da und gefummelt und gemacht und Karten mit rein. Aber er hat das jetzt etwas übernommen. Er bastelt gerne und ich sehe es nicht mehr, ich bin es irgendwie leid. Also mein Gott, dann habe ich nächstes Jahr eine neue Technik, und dann bin ich da wieder, und der Zeitaufwand ..."

"Also mir reicht es, wenn ich zu Hause die Kiste ans Laufen bringe, die ganzen Treiber einbinde und da fummle, das reicht mir an Arbeit."

"Ich denke, wenn diese Pannen nicht wären, dann wäre die Bereitschaft im Prinzip durchaus groß, aber es muß ein Nutzen dahinter stecken und es darf mich nicht nur Zeit kosten und ich kann nicht immer nur auf später vertrösten und sagen, Leute, im Anfang ist das zwar mehr Arbeit, aber später werdet ihr Vorteile davon haben, wenn ich ihnen nicht mal konkret sagen kann, welche."

Aus diesen wenigen Auszügen wird die ganze Dimension der Problematik klar: KollegInnen, die mit dem Medium kompetent umgehen können, 'dürfen' auch noch unentgeltlichen Zusatzunterricht leisten, indem sie mit aufgeschlossenen, aber in technischen Fragen unkundigen Lehrkräften zusammen in den Informatikraum gehen. Die eigene Kompetenz in technischen Fragen ist oft nicht vorhanden. Woher auch? Für Lehrkräfte ist keine Aus- oder Fortbildung dafür vorgesehen. Darüber hinaus gibt es in Schulen - und auch nur in Schulen - noch ein ganz gewaltiges Problem: Es gibt immer wieder Jungen (!), die meinen, sich und ihren MitschülerInnen beweisen zu müssen, daß sie die großen Hacker sind. Und das wollen sie dadurch erreichen, daß sie z. B. die Konfiguration der Netze verstellen, im System Parameter ändern oder notwendige Dateien löschen. Der Phantasie sind hier keine Grenzen gesetzt, können aber die Verantwortlichen zur Verzweiflung bringen. Schließlich wird die Innovationsgeschwindigkeit angesprochen, die nirgends so groß ist wie in dem Bereich der Informationstechnik. Wer hat dann schon die Zeit, sich neben normaler Unterrichtstätigkeit tage- und wochenlang mit den technischen Problemen auseinanderzusetzen, denn Entlastung ist dafür nicht vorgesehen und wird nur in den seltensten Fällen von einer einsichtigen Schulleitung gewährt.

5.4. Die Gleichung Internet = Informatik

Bei Diskussionen über den Einsatz des Internet in der Schule wird immer wieder eine Verknüpfung von Internet und Informatik hergestellt. Dabei wird nicht unterschieden zwischen dem Internet als Thema und als Werkzeug. Unbestritten sollte dieses Medium im Informatikunterricht thematisiert werden [8]. Für alle anderen Fächer kann und sollte es jedoch als Werkzeug ("...mit drei Mausklicks im Netz...") zur weltweiten Kommunikation, zur Informationsbeschaffung und -bewertung, zur Publikation im Netz usw. gesehen werden. Die Medienkompetenz, von der heute soviel die Rede ist, kann nur durch praktischen Einsatz des Internet in die ganze Palette der Fächer erworben werden. Da jedoch ein Computer und Modem und in Schulen lokale Netze notwendige Voraussetzung sind, wird immer noch Internet mit Informatik in einem Atemzug genannt. Wenn mit Lehrkräften inhaltliche Diskussionen geführt werden, erhält man sehr schnell zur Antwort:

"Dann ist das aber keine Informatik!"

Das zeigt deutlich, wie Informatik und Internet aus der Sicht vieler Lehrkräfte vermischt wird. Wenn hier nicht klar getrennt wird und das Internet pauschal der Informatik zugeordnet wird, erklärt sich die mangelnde Präsenz von Frauen fast von selbst. So sind unter denen, die am Gymnasium in NRW in Informatik unterrichten, gerade 8% Frauen; wie sollte es unter dieser Prämisse mehr Frauen geben, die sich näher mit dem Internet beschäftigen?

5.5. Zusammenfassung

Auf einen kurzen Nenner gebracht können neben vielen anderen Gründen wie Geldnot der Kommunen mit der Folge der schlechten Computerausstattung, Alter der Kollegien, Erhöhung der Pflichtstundenzahl und Vergrößerung der Klassenfrequenzen im wesentlichen die folgenden Gründe für die mangelnde Beteiligung von Lehrerinnen genannt werden:

bewußte oder unbewußte Verhinderungstaktik von Kollegen, im besonderen von Informatikkollegen
die Doppelbelastung der Frauen

die Technik

der Ansatz Internet = Informatik

6. Ansatzmöglichkeiten für Veränderungen (oder Bedingungen für einen gleichberechtigten Zugang von Lehrerinnen und Lehrern zum Internet)

Wenn unter 5.5 die Gründe aufgeführt sind, die Frauen daran hindern, das Internet einzusetzen, dann wird damit auch deutlich, wo angesetzt werden sollte, um Veränderungen herbei zu führen.

Für Unvoreingenommene erstaunlich ist die bemerkenswerte Beteiligung von (älteren) Frauen mit erwachsenen Kindern. Diese Frauen haben die Fähigkeiten und die notwendigen Ressourcen, die Arbeit mit dem Internet in der Schule maßgeblich zu beeinflussen und mit kritischer Reflexion zu begleiten - aber nur, wenn man sie läßt, ihnen keine Steine in den Weg legt, die notwendigen technischen Voraussetzungen schafft und gezielt Projekte aus dem sprachlichen oder gesellschaftswissenschaftlichen Aufgabenfeld fördert.

"Wenn man sie läßt" - dies ist an die Kollegen gerichtet, die ganz entscheidend daran mitwirken können, daß sich Frauen an der Initiative beteiligen. Es lohnt sich, die Frauen anzusprechen, sie in entsprechende Überlegungen einzubeziehen und, wenn Teams gebildet werden, sie gezielt zur Mitarbeit aufzufordern. Es gibt schöne Beispiele, denen man im Netz begegnen kann. Nur bilden sie bisher die Ausnahme und lassen sich unter den gegebenen Bedingungen nicht leicht wiederholen.

"Die notwendigen technischen Voraussetzungen"
- dieser Appell ist vor allem an die Leitung der Initiative (Projektbüro in Düsseldorf für NRW und Verein SaN e.V. in Bonn für die Bundesinitiative), aber auch an die Schulträger und die Politikerinnen und Politiker gerichtet. Dringend müssen leicht installierbare Komplettlösungen, die auf den schulischen Bedarf zugeschnitten sind, entwickelt und den Schulen zur Verfügung gestellt werden. Man denke nur an all die vielen tausend Schulen, die in den nächsten Jahren ans Netz gehen sollen! Alternativ sind Möglichkeiten der Systembetreuung durch AdministratorInnen denkbar. So selbstverständlich der Hausmeister defekte Glühbirnen auswechselt - und niemand auf die Idee käme, das von Lehrkräften erledigen zu lassen, - so selbstverständlich sollte die Installation und Wartung von Schulnetzen Fachleuten überlassen werden. Daß dies nicht zum Nulltarif geschehen kann, dürfte jedem klar sein. Wenn aber die Gesellschaft der Schule neue Aufgaben aufbürdet, muß sie auch die notwendigen Voraussetzungen schaffen.

Daß es auch anders geht, zeigt Frankreich. Dort ist der Ansatz ein anderer und das hat gute Gründe. Da gibt es Fachleute, die den Lehrerinnen und Lehrern diese technischen Probleme abnehmen. Sie richten die lokalen Netze und Internetzugänge ein und betreuen sie. Sie sind für nichts anderes zuständig. Das lautet dann so:

"Ich bin Spezialist und löse Eure Probleme, inklusive Maschine."

Mit diesem Ansatz werden die Lehrerinnen und Lehrer in die Lage versetzt, sich ihren eigentlichen Aufgaben, nämlich des Unterrichtens und Erziehens zu widmen. Und damit würde auch nur das in der Schule praktiziert, was in allen anderen Berufssparten selbstverständlich ist. Weder die Finanzbeamtin noch der Reisekaufmann kümmert sich um Installation und Wartung der Netze am Arbeitsplatz - und niemand käme auf die Idee, das von ihnen zu verlangen!

"... und gezielt Projekte aus dem sprachlichen oder gesellschaftswissenschaftlichen Aufgabenfeld fördert."
Der Anteil der Lehrerinnen (zur Gesamtzahl der das jeweilige Fach Unterrichtenden) im mathematisch-naturwissenschaftlichen Aufgabenfeld beträgt am Gymnasium zwischen 8% (Informatik) über 14% (Physik) bis zu 29% (Mathematik). Ähnlich ist die Beteiligung von Schülerinnen an diesen Fächern, wenn sie wie in der gymnasialen Oberstufe die Wahlfreiheit haben. Deshalb können Lehrerinnen und Schülerinnen in diesem Bereich viel weniger erreicht werden als in nicht-naturwissenschaftlichen Fachbereichen, wo sie zahlenmäßig stärker vertreten sind und leichter den Einsatz und kritischen Umgang mit dem Internet kennenlernen könnten. Beispiele wie "Römerfunde in Bonn" (vorwiegend im Fach Latein; http://www.merian.fr.bw.schule.de/tribus/) oder "Publizieren im Netz" (im Fach Erziehungswissenschaften; http://schulen.hagen. de/GSGE/ew/) untermauern diesen Ansatz. Hilfreich wäre außerdem eine kompetente und sensible Unterstützung durch die Schulleitung, das Kollegium und auch durch das Projektbüro (in NRW) bzw. durch den Verein Schulen ans Netz in Bonn

Und Aufklärungsarbeit ist dringend erforderlich, damit endlich die Gleichung Internet = Informatik aufgelöst wird. Der Ansicht, fundierte Informatikkenntnisse wären für den Einsatz des Internet in der Schule notwendig, ist mit Entschiedenheit entgegenzutreten. Wird die unterrichtliche Arbeit mit dem Internet als Werkzeug von der Informatik losgelöst, trennen sich Informatiklehrer soweit von ihrem "Spielzeug", so daß es als leicht bedienbares Werkzeug den anderen Fachbereichen zur Verfügung steht und kann der technische Zugang mehr oder weniger automatisch erfolgen, können sich Lehrerinnen, aber auch Nicht-Informatik-Lehrer um inhaltliche Fragen kümmern. Und das tut not: Das Internet muß als Werkzeug Eingang in alle Fächer finden, es muß selbstverständlich wie der Videorecorder oder ein Lexikon als Medium eingesetzt werden können. Dann können viele Aufgaben wie E-Mail-Kontakte, Recherche-Aufgaben im Internet oder Publizieren im Netz durchgeführt werden. Ein verantwortungsbewußtes Arbeiten mit, kritische Reflexion über dieses Medium kann im Unterricht Einzug halten.

Eigentlich müßte an dieser Stelle auch die dringend notwendige Lehreraus- und -fortbildung thematisiert werden. Das ist allerdings nicht in einem Absatz erledigt und bleibt einem späteren Beitrag vorbehalten.

7. Literatur

[1] Telekommunikation: Online-Dienste und Internet. Daten, Fakten, Trends. Stand März 1997; Hrsg. Mediagruppe München 1997, S. 1

[2] Telekommunikation: Online-Dienste und Internet. Daten, Fakten, Trends. Stand März 1997; Hrsg. Mediagruppe München 1997, S. 15

[3] Wylie, M.: No Place for Women", Digital Media 4/8, Januar 1995, S. 6

[4] Susan Herring, Deborah Johnson und Tamra DiBenedetto, Participation in Electronic Discourse in a Feminist Field", in Kira Hall, Mary Bucholz und Birch Moowomon (Hg.), Proceedings of the Second Berkeley Women and Language Conference, Berkeley 1992

[5] Dorer, Johanna: Gendered Net: Ein Forschungsüberblick über den geschlechtsspezifischen Umgang mit neuen Kommunikationstechnologien; in Rundfunk und Fernsehen 45. Jg. 1997/1, S. 23

[6] R. Peschke: "Schulen ans Netz" in Computer und Unterricht 29/1998, S. 63

[7] Auskunft des Landesamtes für Datenverarbeitung und Statistik des Landes im Schuljahr 1995/96

[8] Neupert, H. und Friedrich S.: Lernen mit Netzen - Lernen über Netze; in: LOG IN 6,97, S. 18 - 23